Narzisstische Verblendungen

Man sage nicht, die Menschen hätten nicht schon immer hier und da ein Faible dafür gehabt, in ihre Eigenheiten ein wenig verliebt zu sein. Immer schaukelte die menschliche Existenz zwischen einem Bild, das die Zeitgenossen von einem hatten und dem eigenen hin und her. Und selbst beide Wahrnehmungswelten waren keine Garantie für eine treffende Darstellung. Dass das schon immer so war, zeigen uns die bis heute verwendeten Begrifflichkeiten aus der Antike. Wir verwenden sie, weil sie mythisch begründet sind und durch einfache Bilder selbst komplizierte Zusammenhänge gut begreiflich machen können. Ob Ödipus, Pygmalion oder Narziss, uns sind die Bilder geläufig. Und obwohl die Fähigkeit vorhanden ist, das eine oder andere Phänomen anhand eines Einzelfalls zu erklären, ist die kritische Sensorik in Bezug auf die Etablierung von Massenphänomenen, die sich in unserem zeitgenössischen Alltag durchsetzen, nicht in der Dimension vorhanden, die angebracht wäre.

Vor wenigen Monaten stellte sich der heutige Außenminister unseres Landes vor laufende Kameras und deklamierte, „Vor Ihnen steht die Freiheitsstatue der Bundesrepublik Deutschland!“ Anlass war ein Wahlergebnis, gedacht war das Ganze als eine kleine Provokation gegenüber dem politischen Gegner und entpuppt hat es sich im Nachhinein als eine durchaus ernst gemeinte Selbsteinschätzung. Kurz darauf, als der Mann eines der wichtigsten politischen Ämter der Nation endlich inne hatte und seitens der Opposition in erste Bedrängnis kam, deklamierte er, wieder vor laufenden Kameras und Massenpublikum: „Ihr kauft mir nicht den Schneid ab!“ Beide Ereignisse gehören zusammen und sind die beste Aktualisierung, die der Mythos des Narziss erfahren konnte.

Demnach war Narkissos ein sechzehnjähriger Jüngling, der sich aus Stolz der Liebe der Nymphe Echo entzog. Der Fluch, der ihn darauf traf, verurteilte ihn dazu, sein eigenes Spiegelbild in jedem Wasser lieben zu müssen, obwohl er es nie berühren konnte und es sich ihm immer wieder entzog. Er konnte sein eigenes Spiegelbild weder berühren noch sich von ihm lösen, darüber verging er und verwandelte sich in eine Narzisse. Der Mythos lehrt uns, dass der Kontakt mit der Wahrnehmung durch die anderen genau so zum Leben gehört, wie das eigene Empfinden. Indem Narziss Echo aus Stolz verschmäht, wird er verurteilt in einer Welt des Scheins leben zu müssen und das Unglück ist ihm gewiss.

Der Fall des Politikers, der zum Anlass genommen wurde, den Mythos des Narziss aufzugreifen, ist in seiner Einzigartigkeit gut dazu geeignet, die Aktualität der Erscheinung zu illustrieren, eine Einzelerscheinung ist er jedoch nicht. Ganz im Gegenteil! Vieles deutet darauf hin, dass es zu den absurden Logiken der Zeitgeschichte gehört, unter der Überschrift der Kommunikation die Fähigkeit zu verlieren oder verloren zu haben, Rückmeldungen auf die eigenen Wirkungen nicht mehr verarbeiten zu können. Es drängt sich der Verdacht auf, dass wir es mit einer gesellschaftlichen Verwahrlosung zu tun haben, da es nicht mehr als selbstverständlich gilt, zustimmende wie dissonante Wahrnehmungen zum Ausdruck zu bringen. Dahinter verbirgt sich eine Gleichgültigkeit gegenüber den anderen Akteuren. Das ausbleibende Feed Back führt zur idealisierten Selbstüberhöhung bei gleichzeitiger sozialer Isolation. Und so wundert es dann nicht mehr, dass ein armer Tropf auf den Bonner Rheinwiesen steht und glaubt, er sei Miss Liberty!