Pee Wee Ellis. Different Rooms
Der aus Florida stammende Saxophonist Alfred „Pee Wee“ Ellis hat einen langen Weg hinter sich. Nicht nur geographisch. Vom tiefen Florida, über Texas, die ganze Ostküste rauf bis schließlich nach New York, wo sie alle hin wollten und wollen, wenn sie ein Instrument wie das Saxophon spielen und das nicht nur virtuos, sondern mit einem ganz speziellen Gefühl. Pee Wee Ellis blieb nicht auf der Strecke, er schaffte es bis zum Big Apple, aber er ging nicht darin auf. Obwohl er mit vielen Größen von Ron Carter bis Sonny Rollins dort spielte, stellte er früh fest, dass sein Charakteristikum der Süden war und blieb. So war es auch nicht verwunderlich, dass Ellis zusammen mit Maceo Parker und Fred Wesley lange Jahre zum Bläsersatz bei James Brown gehörte. Die Mitglieder dieses Satzes, aus dem typische Südstaatensolisten entsprangen, die den Funk für den Jazz entdeckten oder umgekehrt, teilen bis heute die Freude am Groove des Chitlin Circuit und man ertappt sie immer wieder dabei, wie sie zusammen spielen.
Pee Wee Ellis hat in seinem siebten Lebensjahrzehnt mit Different Rooms eine weitere CD produziert. Das Bestechende an dem Album ist seine Unbestechlichkeit. Genau wie Parker oder Wesley macht Pee Wee Ellis bei all den Songs genau das, was er immer gemacht hat und was er kann. Er inszeniert auf seinem Tenor den leicht morbiden Lifestyle des amerikanischen Südens, und wenn er in seiner unnachahmlichen Art die von der Hitze ermatteten Licks phrasiert, dann strömt selbst hier in Mitteleuropa ein Geruch von fauligem Meer, Shellfish und knoblauchgeladener Chilisauce aus dem Lautsprecher.
Der Einstieg mit I Heard It Through The Grapevine ist so klassisch und bekannt, und dennoch entsteht der Eindruck, als wäre man zum ersten Mal da, in der bulligen Langeweile, die keine Steigerung mehr kennt, die nur gelindert wird durch die salbungsvollen Untermalungen von Ellis Tenor. Zusammen mit Joe Gallardo gelingt ihm im folgenden All Four Seasons die Illusion von einem Wandel abzuwehren, der sowieso nie stattfinden wird. Das gleich einem Rondo immer wieder aufgegriffene Thema verhöhnt die Ordnung, die den Wechsel vorsieht und die Posaune verrät das Geheimnis der Vielfalt im alltäglichen Rhythmus. Und in Different Rooms wird entschlüsselt, warum es nun mal anders zugeht in den Tropen. Dort, wo das Leben schneller entsteht und viel schneller vergeht. Der ungeheure Reichtum, der durch die Fruchtbarkeit beschert wird, lässt bei aller Deutlichkeit des Vergänglichen keine Trauer zu. Ellis dokumentiert mit einem schier unendlichen Solo, das überhaupt nicht als Anstrengung wirkt, eben diese Widersprüchlichkeit, auch weil es sich in die Routine einfügt, als hätte es gar nicht existiert.
Jedes Stück aus Different Rooms ist eine Hommage an die Schwere und die Leichtigkeit des Südens. Pee Wee Ellis beherrscht wie eh und je das höhnisch schwermütige Volumen seines Tenors, und würde man nicht irgendwann versonnen aus dem Fenster schauen, wähnte man sich auf der Catfish Row. Deep Down South!
