Das, was sich derzeit in Bangkok und mehr und mehr in ganz Thailand abspielt, sieht aus wie eine Nachinszenierung der Vorgänge in Jakarta im Jahre 1998, als das Suharto-Regime nach 32 Jahren die Macht aus der Hand gerissen bekam. Die Opposition der thailändischen Rothemden ist eine Revolte gegen die Dominanz des Militärs, der eigentlich herrschenden Kaste im Land. Eine Mischung aus Tropencharme, dem Netz einflussreicher Familien und einer eigentümlichen Präsenz des Militärs, welches in erster Reihe im Big Business steht, so gebärdeten sich Indonesien bis 1998 und Thailand ungefähr bis 2008, also zehn Jahre später. Was nun in Bangkok geschieht, ist ein weiterer Aufstand, der in den Kriterienkatalog von Schwellenländern passt.
Die Berichterstattung hierzulande unterscheidet sich nicht sonderlich von der zurückliegenden im Falle Indonesiens, auch jetzt werden irgendwelche Augenzeugenberichte zitiert, betroffene Reporter stehen vor den Kameras und leisten einen Offenbarungseid in Bezug auf einen kritischen Journalismus. Kaum etwas ist zu erfahren über die Motive der Akteure, die Hintergründe des Geschehens oder die Kräfte, um die es geht. Es ist wie immer alles seltsam phänomenal in einem Land, in dem die Menschen doch eigentlich immer lächeln. Es ist offensichtlich, dass die Berichterstattung in starkem Maße den Emotionen einer untergehenden Kolonialmacht entspricht statt dem Auftrag nach Aufklärung zu folgen. So groß der Charme der entspannten und meditativ inspirierenden Gastfreundschaft in Südostasien auch sein mag, für eine Bewertung der Politik ist es entschieden zu wenig.
Thailand, das im Gegensatz zu den Anrainerstaaten keinen langwierigen, blutigen und Ressourcen kostenden Unabhängigkeitskrieg durchlaufen musste und sehr zeitig die auf die Valuta bezogenen Segnungen des Tourismus entdeckte, entwickelte sich früh zu einem im Vergleich zu den Nachbarn etablierten Land. Trotz des Aufschwungs profitierten jedoch die alten Familien und Eliten. Den staatlichen Klebstoff zwischen den rivalisierenden Clan-Lagern bildete das Militär. Und wie so oft in diesem Falle spielte das Militär eine stabilisierende wie terrorisierende Rolle, ersteres gegenüber dem Tourismus und zweites gegenüber einem aus der Ungleichheit der Gesellschaft gespeisten Demokratiebedürfnis. Thailand, im Vietnamkrieg noch die Hanfanbaufläche und das Bordell der US-Armee, hatte selbst diese Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs dank eines hart ordnenden Militärs in die Ära einer neuen Phase des Tourismus hinübergerettet, allerdings wie immer zu dem Preis der wachsenden Einsicht derer, die Zeugen dieses Prozesses wurden. Da halfen irgendwann die alten Verteilungsschlüssel allein nicht mehr, um die wachsende Zahl der Teilhabe Wollenden zu befriedigen.
Beim Kampf in Bangkok geht es gegen die Despotie des Militärs, es geht gegen die ehernen Gesetze der alten Familien, es geht um die Einhaltung demokratischer Spielregeln und es geht auch um ganz persönliche Rechnungen, die bei einem derartig günstigen Anlass mit auf den Bogen geschrieben werden. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Lebensjahren liegt, ist die Stimmung auf den Verteilungskampf gerichtet, und so lange es faire Regeln gibt, nach denen dieser ausgetragen wird, kann das alles auch gut ausgehen. Wenn nicht, dann geht es den alten Eliten an den Kragen.
