Seit der Etablierung des Begriffes der Politik in der Antike gilt es als Allgemeingut, dass der charakteristische Kern dieser Aufgabe in der Zusammenführung von öffentlichen Interessen und Zukunftsperspektiven zu suchen ist. Anders ausgedrückt steht im Zentrum, der Polis, der öffentlichen Angelegenheiten eine Gestaltungsfrage. Der Diskurs und der Wettbewerb um das Mandat zur Macht, mit der der Wille einer Mehrheit umgesetzt werden kann, werden in der Regel entschieden in einem Raum der politischen Projektion. Stets bestand ein Konsens darüber, dass die Art der Gestaltung eine gute Zukunft für das Ganze versprechen müsse. Nicht unbedingt folgte daraus immer eine positive Utopie, ganz im Gegenteil, in der Geschichte ist ein beständiger Kampf zwischen Bewahrern und Erneuerern zu beobachten, das Ringen zwischen Konsolidierern und Veränderern ist nahezu eine Konstante in der politischen Auseinandersetzung.
Was es in nur ganz seltenen Fällen gab, zumindest nach der Selbstfindung der Demokratie, waren Bewegungen oder Parteien, die sich um keine Zukunft mehr scherten. Eine ernst zu nehmende Parole wie „Nach uns die Sintflut“, egal ob aus Hedonismus oder suizidalem Zweifel ist in der Entwicklung von Demokratien ein Widerspruch in sich, bildet doch die Regeneration des Demos die Grundlage für die Existenz der Staatsform. Die politische Rhetorik, die seit der Antike Massen zu mobilisieren in der Lage war, appellierte immer auch an die Zukunft der Kinder derer, die man adressierte und in den Annalen findet sich kein Pathos, der dieses ausließe.
Krisen des Gemeinwesens sind in der Regel Anlass, Fragestellungen nach der Zukunft noch zu verstärken. Ob bei Kriegen, Naturkatastrophen und wirtschaftlichen Krisen, immer, wenn derartige Schläge die Gesellschaften erschütterten, griffen die Politiker zur Waffe der Strategie. Wie wollen wir da heraus, so hieß es, wie soll das Land aussehen, wenn wir einmal nicht mehr sind und unsere Nachkommen hier leben müssen? Alle, die sich diesen Fragen nicht stellten, hatten schwerlich eine Chance, das Vertrauen der Mehrheit zu gewinnen.
Anscheinend hat die demographische Spekulation und die Weltfinanzkrise das Zukunftsaxiom aus der Politik verbannt. Wie ein Unheil verkündender Blitz schlug die Aussage des hessischen Ministerpräsidenten ein, bei der Bewältigung der gegenwärtigen Finanz- und Währungskrise dürfe es keine Tabus geben und man müsse auch bei der Bildung sparen. Angesichts all dessen, was wir seit vielen Jahren wissen, dass wir überaltern, dass die sozialen Sicherungssysteme gefährdet sind, dass wir unter einem Innovationsstau leiden, dass wir im Kampf um Talente global immer schlechter da stehen – dass es endlich an der Zeit ist, aus den vielen alarmierenden Erkenntnissen praktische Konsequenzen zu ziehen, all das wird mit der Aussage ausgeblendet. Zugunsten eines Kalküls, dass es in unserer Gesellschaft eine ältliche Mehrheit gibt, die auf die Zukunft nicht mehr setzt. Ginge das Kalkül auf, so wäre das Ende der Politik genauso konsequent wie der Beginn des Hasards und die Auflösung der demokratischen Existenz.
