Kultartige Festschreibungen von historischen Entwicklungsstadien

Es spricht für das Wesen demokratischer Gesellschaften, dass sie weder den Zeitgeist vorschreiben noch dass sie das Verharren in bestimmten Zuständen verbieten. Es ist das Verständnis von Liberalität und gelebte Toleranz. Eine Betrachtung der verschiedenen Korporationszustände der Bürgerinnen und Bürger als Privatpersonen, die ihre verbrieften Freiheiten nutzen, deutet darauf hin, dass sich die unterschiedlichsten kulturellen und soziologischen Stadien der Entwicklung des letzten Jahrhunderts in Keimzellen am Leben erhalten. Das sind zum einen Referenzen an einen idealtypischen Zustand, den sich das einzelne Individuum mit gleich gesinnten Zeitgenossen zu konservieren sucht. Nicht selten ist es aber auch etwas, das die kognitive Entwicklung eines Menschen oder einer Generation an einem bestimmten Punkt abrupt stoppt. Gut sichtbar sind solche Phänomene, wenn man Musikveranstaltungen besucht, bei denen Musiker auftreten, die irgendwann mal ihre große Zeit hatten, und noch Jahrzehnte später mit dem gleichen Repertoire über Land tingeln und im gleichen Outfit, nur beträchtlich gealtert, die Momente zu reproduzieren trachten, in denen die Jugendlichkeit noch authentisch war. Und auch das Publikum vermittelt spontan ein Déjà-vu-Erlebnis, weil es anmutet wie eine Requisite aus einer gänzlich anderen Zeit. Ähnliches finden wir auch in Bereichen wie Politik, Technik oder Lebensstil.

Das Phänomen, um das es hier geht, ist nicht nur ein Indiz für gesellschaftliche Liberalität und Toleranz. Weitaus interessanter ist die Frage, was in den Köpfen derer vor sich geht, die sich auf eine Erkenntnis- und Konsumwelt festlegen. Sind es, wie sozialwissenschaftliche Quellen immer wieder behaupten, mangelnde Kompetenzen in einem immerwährenden Veränderungsprozess des menschlichen Daseins oder handelt es sich, wie aus psychologischer Sicht oft artikuliert, um eine vor allem Angst gesteuerte Flucht in das positiv Erlebte und existenziell Gesicherte?

Vieles spricht für unterschiedliche Ursachen, beide und andere Erklärungsmuster mögen Gültigkeit besitzen. Sicher ist nur, dass das auch sichtbare Stehen bleiben in einem Kulturzustand von der Außenwelt als ein Defizit beim Mithalten mit dem Fortschritt gewertet wird. Das, was jedem Individuum auch bei einem Mitgehen mit der Zeit dennoch geschieht, nämlich das Konservieren bestimmter Existenzzustände innerhalb der eigenen Persönlichkeit, wird bei dem kultartigen Festhalten historischer Entwicklungsstadien nur nach außen materialisiert. Es nimmt den Akteuren nur meistens die Kraft, am weiteren Fortschritt aktiv zu partizipieren.

Bei der Bewertung von Subkulturen, die einer anderen Zeit zu entstammen scheinen, überwiegt zumeist die Arroganz der Schnelllebigkeit, die sich aus der Illusion speist, nur das Aktuelle, Brandneue, besäße den Charme des einzig Begehrenswerten. Man sollte genau hinschauen, denn historisch gab es durchaus immer wieder Rückwendungen, die als herbe, und wichtige Kritik an den Zeitzuständen gewertet werden mussten. Der Doppelcharakter der Abwendung vom Heute birgt Erkenntnisse, die in der Eindimensionalität der Vorwärtsbewegung allzu oft verloren gehen.