Archiv für den Monat April 2010

Muhammad Ali und Charles Darwin

Vor allem von den Kritikern der Ideologie, die sich vermeintlich auf Charles Darwin bezieht, wird immer wieder behauptet, die Lehre des Naturwissenschaftlers wie das ideologische Derivat, der so genannte Sozialdarwinismus, gehe von der falschen Voraussetzung aus, nur wer Stärke mit sich bringe, berge die Chance in sich, sich auch durchzusetzen. Da kommt so einiges an fehlerhafter Rezeption zusammen und es wäre angebracht, Darwins Erkenntnisse sowie die Ideologie derer, die sich vermeintlich auf seine Schlussfolgerungen beziehen, säuberlich zu trennen. Angesichts der historisch nachvollziehbaren Sachlage ist das auch gar nicht so schwer.

Charles hatte in seiner Entstehung der Arten seine jahrelangen Beobachtungen der Existenzformen in der Natur sehr schlicht und dennoch epochal zusammengefasst. Demnach ist die Entstehung der Arten ein Prozess von These und Antithese, von Widersprüchen, die in ihrem dialektischen Austausch zu einer Genese des Neuen führen. Darwin selbst hat nie einen Zweifel darüber gelassen, dass sich in der Natur diejenigen durchzusetzen vermögen, die am besten dazu in der Lage sind, sich veränderten Bedingungen anzupassen. D.h. die Fähigkeit, den Wandel der Existenzbedingungen durch flexible Überlebensstrategien zu begleiten ist eine weitaus bessere und viel versprechendere Bedingung für das Überleben als die bloße Stärke als Organismus des Status Quo. Demnach gibt es nur wenige genetische Programme, die sui generis so genial angelegt waren, dass sie über eine Entwicklungsgeschichte von Millionen von Jahren das Überleben garantieren konnten. Das Gros des heutigen Lebens ist das Ergebnis einer permanenten Anpassungsgeschichte an sich wandelnde Lebensbedingungen.

Das, was sich später als Sozialdarwinismus einen Namen gemacht hatte, war vor allem eine Verballhornung von Darwins Erkenntnissen, weil es eben nicht die Anpassungsfähigkeit, sondern die Stärke und Dynamik des Augenblicks ins Zentrum der Betrachtungen stellte. So wundert es nicht, dass nahezu alle konservativen politischen Kräfte seitdem mit dem Sozialdarwinismus sympathisierten, weil sie mit diesem Instrument den Status Quo zu konservieren suchten und gleichzeitig ein willkommenes Mittel fanden, um veränderungsaffinere Existenzformen zu marginalisieren. Der Sozialdarwinismus ist eine gedankliche Perversion von Darwins Entstehung der Arten und eine jener historischen Streiche, in denen sich die Vergangenheit des Charmes der Moderne bedient, um ihr letztes Süppchen zu kochen.

Der Boxer Muhammad Ali, dieser geniale, politische und charismatische Sportler, hat mit seiner Karriere viele Beispiele dafür geliefert, was Charles Darwin mit der Kraft der Anpassung gemeint hatte. Denn entgegen vieler flüchtiger Mythenbildungen war Ali nicht nur der flinkbeinige, den Gegner durch Schnelligkeit und technische Brillanz beherrschende Boxer, sondern er stellte sich in jedem Kampf auf die Bedingungen ein, die seine Gegner ihm lieferten. Bei jenem historischen Kampf in Kinshasa gegen George Foreman stellte er sich acht Runden in die Seile und ließ sich verprügeln, bis Foreman, dieser bärenstarke Mann, derartig demoralisiert war, dass Ali ein einziger Schlag reichte, um ihn zu Boden zu strecken.

Zwei Metaphern aus dem Kommunikationszeitalter

T. Coraghessan Boyle. Talk Talk

Das Romanwerk des Amerikaners T. Coraghessan Boyle schwillt unablässig an und seit seinen Welterfolgen Wassermusik und World´s End wird immer wieder die Frage gestellt, ob es noch Steigerungen geben kann. Meistens wird die Frage negativ beantwortet und somit entgeht Boyle nicht dem Schicksal derer, die große Erfolge aufzuweisen haben. Neben der erzählerischen Qualität des Schriftstellers, die nicht in Frage gestellt werden kann, ist es meist die Themenstellung, die zuweilen Unmut auslöst, denn nach dem Epos auf das Kolonialzeitalter in Wassermusik und der Asynchronität und Vielschichtigkeit der amerikanischen Siedlergeschichte erscheint doch so manches profan. Im Tortilla Curtain war es wenigstens noch die Immigrationspolitik, aber im Samurai von Savannah oder in der Erzählung über den Geschäftsmann Kellog, der die anthroposophische Idee zum Abzocken entdeckte, wirkte eben schon manches profan, obwohl Profanität an sich durchaus subtile Deutungsmöglichkeiten zulässt. Zumindest in der Rezeption seines 2006 erschienen Romans Talk Talk wird ihm der Vorwurf der Verflachung häufig gemacht. Völlig zu Unrecht.

Die Geschichte selbst ist skurril, für sich betrachtet aber nicht der große Wurf. Eine junge Frau, die an der Taubheit leidet, wird beim Überfahren einer roten Ampel nahe Los Angeles angehalten und von der Polizei nach Abfrage ihrer Personalien eingebuchtet, weil sie in mehreren Bundesstaaten wegen schweren Betrugs gesucht wird. Es stellt sich heraus, dass eine andere Person mit den technischen Möglichkeiten des Internets ihre Identität gestohlen hat und unter dieser hemmungslos einkauft. Während die junge Frau ihren Job wegen der Vorkommnisse verliert und ihr Freund sich mit ihr zusammenschließt, um den Übeltäter zu finden, wird letzterer als ein in Wohlstand lebender junger Mann vorgestellt, der auf die schiefe Bahn gekommen ist und seit seinem Gefängnisaufenthalt sich mit den dort erworbenen Techniken der Identitätsfälschung vom Leben holt, was er auf redliche Weise nicht vermocht hat. Es beginnt ein Showdown der Jagd auf ihn, der darin endet, dass die junge Frau und ihr Freund ihn letztlich an der Ostküste stellen, die Frau ihn aber im entscheidenden Moment entwischen lässt, weil er alles Materielle verloren hat und sie ihre Angst vor ihm. Das entzweit das Paar, der Delinquent entschwindet im Nirgendwo, die Frau bleibt an der Ostküste und ihr Freund geht zurück nach Kalifornien.

Was als eine Allerweltsgeschichte unserer Tage erscheint, ist jedoch das Jonglieren mit zwei großen Metaphern des Kommunikations- und Informationszeitalters. Es geht in diesem Buch um die Täuschung, den Schein und die Unfähigkeit, zuzuhören. Das, was als vorhandene Psychostruktur einer gemeinsamen Intentionalität als Grundlage gelungener Kommunikation angesehen werden muss, geht in dem Orkan der Aufmerksamkeitsappelle immer mehr verloren und führt zu einer disparaten, traurigen Entwicklung einzelner Biographien, bei denen eine Sinnstiftung zunehmend unmöglich wird. Boyles Buch ist auf der psychologischen Ebene subtil, als Kulturkritik ist es phänomenal.

Miles Away – Jazzige Experimente aus dem Studio

Jimi Hendrix. Message From Nine To The Universe

Es ist kein Geheimnis mehr, dass Jimi Hendrix in den letzten 1 ½ Jahren seines Lebens engen Kontakt zu Miles Davis pflegte und die beiden oft in Hendrix Wohnung in Greenwich Village zu jammen pflegten. Was dabei entstand, weiß bis heute niemand. Seitens Miles Davis gab es Pläne, ein Projekt mit Hendrix in Angriff zu nehmen. Obwohl es nicht mehr dazu kam, kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie es wohl geklungen hätte, wenn man sich die späten Aufnahmen von Davies anhört, z.B. Amandla oder doo-bop, in denen Davis verschiedene Ausnahmegitarristen des Electric Blues in sein Konzept mit aufnahm und sie durch Marcus Miller am Bass komplettierte. Von Hendrix selbst gab es lange keine Zeugnisse aus dieser letzten, wohl spannendsten Periode. Nun kommt eine CD auf den deutschen Markt, die seit 2006 bereits in Großbritannien erhältlich ist und Studio-Sessions zwischen März 1969 und März 1970 beinhaltet.

Wichtig ist, dass man im Kopf behalten muss, dass es sich um Versuche handelt, sich einem neuen, für Hendrix unbekannten Genre zu nähern. Die Aufnahmen sind fernab von den damaligen Konzeptalben und waren wohl auch für keine Öffentlichkeit bestimmt. Desto atemberaubender ist es, sich diese Perspektive, zu deren Entwicklung es nicht mehr kam, akustisch zu Gemüte zu führen. Schnell merkt man, dass es sich sehr von den bekannten Kompositionen Hendrix unterscheidet und der Electric Blues und der Rock dem binären Rhythmus des Jazz weichen mussten. Die erste Etüde, nachdem die CD benannt ist, Nine From The Universe, ist eine filigrane Übung, die gleich mit einem Funkrhythmus daherkommt und zeigt, wie sehr Hendrix schon an die später entwickelte Schlagtechnik dieses Genres herangekommen war. Mit Young/Hendrix Jam kommt die damals im Jazz und vor allem von Jimmy Smith kultivierte Hammond Orgel mit ins Spiel und hier werden Linien weiter entwickelt, die bereits auf der dritten Seite des Electric Ladyland Albums anklangen. Die Blues Nummern Easy Blues und Drone Blues sind weitaus differenzierter als das stereotype 2-5-1-Schema des klassischen Genres und damit wiederum eine Referenz and die Blues-Konnotationen des Jazz. Wie in allen Sessions kommt es auch bei dieser Kollektion zu Redundanzen, die keine weitere Erwähnung finden müssen, denn es macht keinen Sinn, die Veröffentlichung von Aufnahmen zu kritisieren, die zeitlebens in sicheren Tresoren verwahrt wurden. Allenfalls Lonely Avenue und Trying To Be seien noch erwähnt, die ihrerseits dokumentieren, dass der ständig Suchende einer neuen Spur auf der Fährte war, die ihn ganz woandershin getragen hätte, als es seine Fangemeinde, die in den klassischen Mustern seiner großen Erfolge zu verhaften drohte, ihm vielleicht zugestanden hätte.

Wer den eben typischen, in der Erinnerung bekannten Hendrix hören möchte, muss sich diese Aufnahmen nicht kennen. Wer das Experimentelle, das Unkonventionelle dieses Gitarristen weiter genießen möchte, der sollte sich diese CD unbedingt öfters anhören. Sie dokumentiert, was es heißt, offen für Neues zu sein.