Europa im Sinkflug

Das, was als ein Vulkanausbruch in Island begann, hätte zu einem Paradigmenwechsel in der EU führen können. Das von den meisten Bürgerinnen und Bürgern als ein Rahmenwerk für wirtschaftliche Zusammenarbeit und ein weit umspannendes Regelwerk verstandene Gebilde, das sehr oft wegen seiner als weltfremd empfundenen Vorschriften einen schlechten Beigeschmack vermittelt, hätte sich vollkommen anders darstellen können. Stattdessen wurden Entscheidungen getroffen, die durchaus nachvollziehbar waren, aber zu keinem praktischen Handeln gegenüber der europäischen Bürgerschaft führten. Natürlich ist die Sicherheit, zumal wenn sie über Leben und Tod entscheidet, durch nichts zu ersetzen. Wenn die Flugsicherheit gefährdet erscheint, dann kann ein generelles Flugverbot als vernünftige Maßnahme gelten. Sich allerdings darauf zurückzuziehen, auch wenn Millionen von EU-Bürgern in allen möglichen Winkeln des Kontinents und darüber hinaus gestrandet sind, genau das ist die bürokratische Ignoranz, die zu den größten Akzeptanzproblemen der EU zählen.

Die vielen Schicksale gingen durch die Presse. Furchtbare Bedingungen auf den Flughäfen, Hoteliers, Transportunternehmen und öffentliche Verkehrsbetriebe, viele von ihnen nutzten in der Manier schlimmster Kriegsgewinnler die Not der Gestrandeten aus und zockten so richtig ab. Familien mit Kindern versanken in der Verschuldung, saßen in Bussen, Bahnen, Taxis oder Mietautos, die sie zu horrenden Preisen in Nötigungsverhältnissen erschwingen mussten und hatten dennoch das Ziel nicht vor Augen. Die EU beschränkte sich auf die Veröffentlichung von Bulletins hinsichtlich des aktuellen Standes des Flugverbots und unternahm ansonsten nichts. Die Eurokraten begriffen nicht die Chance, die sie gehabt hätten.

In einer Glosse schrieb ein britischer Labour-Abgeordneter, was hätte geschehen sollen und können. Alles, so der kluge Mann, begänne mit der Information. Er riet den Eurokraten, sich schleunigst auf den Weg dahin zu machen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Warum, so fragte er, nicht Studenten örtlicher Universitäten, die mit der Sprache der Gestrandeten vertraut sind, damit beauftragt worden wären, in mobilen Informationszentren den Betroffenen beizuspringen? Und warum habe man nicht EU-weit das Militär mobilisiert und zur Evakuierung auf den Weg geschickt? Warum, so fuhr er fort, hätte man nicht EU Zug- und Busverbindungen organisiert und Konvois auf den Autobahnen fahren lassen? Warum wurden Unterkunft und Verpflegung nicht gestellt? Und letztendlich stellte er die Frage, ob nicht durch den Bruchteil der einmaligen Kürzung der EU-Agrarsubventionen die Kosten für derartige Aktionen wieder hätten eingespielt werden können?

Die Fragen des britischen Labour-Abgeordneten sind durch und durch vernünftig und demonstrieren, was viele Betroffene erwartet hätten. Von der praktischen Intelligenz scheinen die Protagonisten der EU so weit entfernt zu sein wie eh und je. Eine großartige Chance wurde vertan, um die Herzen vieler EU-Bürgerinnen und Bürger vom praktischen Nutzen dieses Zusammenschlusses zu überzeugen. Stattdessen wurde ein lange gehegtes Vorurteil profund bestätigt!