Vor allem von den Kritikern der Ideologie, die sich vermeintlich auf Charles Darwin bezieht, wird immer wieder behauptet, die Lehre des Naturwissenschaftlers wie das ideologische Derivat, der so genannte Sozialdarwinismus, gehe von der falschen Voraussetzung aus, nur wer Stärke mit sich bringe, berge die Chance in sich, sich auch durchzusetzen. Da kommt so einiges an fehlerhafter Rezeption zusammen und es wäre angebracht, Darwins Erkenntnisse sowie die Ideologie derer, die sich vermeintlich auf seine Schlussfolgerungen beziehen, säuberlich zu trennen. Angesichts der historisch nachvollziehbaren Sachlage ist das auch gar nicht so schwer.
Charles hatte in seiner Entstehung der Arten seine jahrelangen Beobachtungen der Existenzformen in der Natur sehr schlicht und dennoch epochal zusammengefasst. Demnach ist die Entstehung der Arten ein Prozess von These und Antithese, von Widersprüchen, die in ihrem dialektischen Austausch zu einer Genese des Neuen führen. Darwin selbst hat nie einen Zweifel darüber gelassen, dass sich in der Natur diejenigen durchzusetzen vermögen, die am besten dazu in der Lage sind, sich veränderten Bedingungen anzupassen. D.h. die Fähigkeit, den Wandel der Existenzbedingungen durch flexible Überlebensstrategien zu begleiten ist eine weitaus bessere und viel versprechendere Bedingung für das Überleben als die bloße Stärke als Organismus des Status Quo. Demnach gibt es nur wenige genetische Programme, die sui generis so genial angelegt waren, dass sie über eine Entwicklungsgeschichte von Millionen von Jahren das Überleben garantieren konnten. Das Gros des heutigen Lebens ist das Ergebnis einer permanenten Anpassungsgeschichte an sich wandelnde Lebensbedingungen.
Das, was sich später als Sozialdarwinismus einen Namen gemacht hatte, war vor allem eine Verballhornung von Darwins Erkenntnissen, weil es eben nicht die Anpassungsfähigkeit, sondern die Stärke und Dynamik des Augenblicks ins Zentrum der Betrachtungen stellte. So wundert es nicht, dass nahezu alle konservativen politischen Kräfte seitdem mit dem Sozialdarwinismus sympathisierten, weil sie mit diesem Instrument den Status Quo zu konservieren suchten und gleichzeitig ein willkommenes Mittel fanden, um veränderungsaffinere Existenzformen zu marginalisieren. Der Sozialdarwinismus ist eine gedankliche Perversion von Darwins Entstehung der Arten und eine jener historischen Streiche, in denen sich die Vergangenheit des Charmes der Moderne bedient, um ihr letztes Süppchen zu kochen.
Der Boxer Muhammad Ali, dieser geniale, politische und charismatische Sportler, hat mit seiner Karriere viele Beispiele dafür geliefert, was Charles Darwin mit der Kraft der Anpassung gemeint hatte. Denn entgegen vieler flüchtiger Mythenbildungen war Ali nicht nur der flinkbeinige, den Gegner durch Schnelligkeit und technische Brillanz beherrschende Boxer, sondern er stellte sich in jedem Kampf auf die Bedingungen ein, die seine Gegner ihm lieferten. Bei jenem historischen Kampf in Kinshasa gegen George Foreman stellte er sich acht Runden in die Seile und ließ sich verprügeln, bis Foreman, dieser bärenstarke Mann, derartig demoralisiert war, dass Ali ein einziger Schlag reichte, um ihn zu Boden zu strecken.
