Irritationen aus dem Barbaricum

Nach den Einlassungen des gegenwärtigen Außenministers zum Thema Hartz IV und seinen Hinweisen auf Züge spätrömischer Dekadenz verwies er nun, in Bezug auf die Zusammenstellung seiner Reisebegleitung als Minister des Auswärtigen auf die Praxis der portugiesischen Seefahrernation. Der Mann scheint seine Mission also von vornherein in einem größeren historischen Rahmen zu sehen, in dem mindestens 500 Jahre liegen, um den nächsten Pinselstrich anzulegen. Das ist endlich mal eine strategische Dimension, nachdem man Jahrzehnte immer nur Pragmatiker hat ertragen müssen, die wie halb erblindete und sieche Lotsen ihren Geschäften nur auf Sicht gefolgt sind. Nun haben wir den großen Rahmen, jetzt fehlt nur noch das historische Porträt.

Die Bewertung dessen, was in der Zeitgeschichte vor sich geht, kann erst nach deren Verstreichen in einer historischen Dimension geschehen, insofern müssen wir dem Mann einfach noch etwas Zeit lassen. Vielleicht entpuppt sich alles als ein bloßer Schelmenstreich und schneller als wir alle denken, war das allenfalls eine Randglosse. Oder es dauert doch einige Jahre und reift zu einer Bilanz, die sich historisch nennen lässt. Haben wir Geduld und lassen wir uns dafür belohnen!

Eine Sache sei hier allerdings aufgegriffen, und die bezieht sich auf die Brisanz historischer Vergleiche. In der römischen Literatur aus den Tagen Cäsars, also zu einer Zeit, in der das Imperium noch in voller Blüte stand, tauchten immer wieder Betrachtungen über das Barbaricum auf. Damit war der rechts-, zivilisations- und kulturarme Raum nördlich der römischen Herrschaftssphäre gemeint, also der unserer Vorfahren. Sie waren die Bärtigen, Ungepflegten und Ungebildeten, denen Rom nicht nur die Knute, sondern auch die Verfeinerung und den Wohlstand bringen wollte, wogegen sich diese Wilden zum Teil sehr vehement wehrten, weshalb wir bis heute, um nur ein Beispiel zu nennen, in unseren Häusern diese hässlichen Heizungskörper herumstehen haben und nicht überall schon längst die Bodenheizung etabliert haben.

Was die römischen Beobachter jedoch in hohem Maße verwirrte, war weder die andere Waffentechnik oder die Anwendung der Guerillataktik, sondern das absurde Werteverständnis dieses Barbaricum. So wird berichtet, dass es tatsächlich barbarische Stämme gegeben habe, die den Vertretern Roms Geschenke darbrachten, ohne auch nur im geringsten zu signalisieren, was sie dafür erwarteten. Oder umgekehrt und noch unverständlicher, selbst wenn man seitens Roms diesen Barbaren etwas schenkte, fühlten sie sich dadurch zu nichts verpflichtet! Kulturhistorisch übersetzt, war das Barbaricum anscheinend frei von Korruption, während im Rom der Blüte selbige bereits in allen Fugen wucherte.

Wiederum rückübersetzt bedeutet dieses, dass der Grad der Zivilisation eigentlich gar nichts aussagt über die Reinheit der Werte und umgekehrt die Struktur einfacher, klarer, und vertrauenswürdiger sozialer Beziehungen noch lange kein Indiz darstellt für eine differenzierte zivilisatorische Entwicklungsstufe. Das irritiert nun doch, vor allem, wenn man glaubt, die Geschichte sei ein Express, der nur in eine Richtung fährt.