Bolschewismus am Potomac

Für uns im Alten Europa ist das alles unvorstellbar. Wir, die wir über Jahrhunderte der Sesshaftigkeit, der zünftigen Stadtentwicklung und der konstitutionellen Verankerung eines verantwortungsreichen Gemeinwesens vor allem hier in Deutschland kurz vor der endgültigen Preisung des Staatsmonopols auf alles stehen, sehen mit Verwunderung, wie Präsident Barack Obama in den USA seinen Feldzug für eine Gesundheitsreform angetreten ist und mit welcher Vehemenz die Fragen, die er anschnitt, die US-amerikanische Gesellschaft gespalten haben. Aus der Ferne betrachtet und in Bezug auf die Wortwahl der Gegner musste man davon ausgehen, dass das letzte Gefecht gegen den internationalen Bolschewismus in der gestrigen Nacht am Potomac zu Washington geschlagen wurde. Und nun haben sie, die roten Horden, bereits übergesetzt und sind kurz davor, den Heldenfriedhof in Arlington zu entweihen.

Dabei ging es nur darum, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass eine minimale gesetzliche Krankenversicherung dafür sorgt, dass niemand aufgrund von Finanzschwäche dazu verurteilt ist, im Krankheitsfalle nicht zum Arzt gehen zu können. Das ist bis zum heutigen Tag im Zentrum der Weltsupermacht täglich und millionenfach geschehen und ein sicheres Indiz für die soziale Barbarei, Siedlergesellschaft hin oder her.

Um es umzuformulieren und den republikanischen Traditionalisten nicht das Wort zu reden: Gestern vermochte Barack Obama als der siebte Präsident, der dieses Problem erkannt hat, eine Schneise in die liberalistische Phalanx der Entstaatlichung als Prinzip zu schlagen und eine gesetzliche Gesundheitsreform durchzusetzen, die es auf einen Schlag insgesamt 32 Millionen Menschen ermöglichen wird, aus dem Zustand der Versicherungslosigkeit zu der gesetzlich garantierten Möglichkeit zu gelangen, im Krankheitsfall behandelt zu werden. Allein für diese Tat gebührt Obama schon jetzt ein Plätzchen auf dem Friedhof Arlington, auch wenn es noch lange unbenutzt bleiben möge. Für die Vereinigten Staaten von Amerika ist dieses ein Meilenstein auf dem Weg in die soziale Zivilisation der Neuzeit und was die republikanische Seele als Invasion des Bolschewismus betrachtet, ist aus der Perspektive der ödipalen Staatsfetischisten deutscher Couleur viel zu wenig und allenfalls ein Treppenwitz.

So unterschiedlich sind die Perspektiven zwischen Europa und den USA, und dennoch sind die Probleme in vielerlei Hinsicht so unterschiedlich nicht. Auch hierzulande schreien alle nach einer Gesundheitsreform, und die wetteifernden Lager sind mal für oder mal für weniger Staat in der ganzen Frage. Interessant ist, dass wir hier über die beste Gesundheitsversorgung der Welt verfügen und die Nutznießer, also wir alle, darüber klagen, als handele es sich um das allerletzte. Angesichts der Debatte in den USA klingt das schon wieder reichlich weltfremd, denn Zustände wie dort, die hat es hier noch nie gegeben. Obama hat in der letzten Nacht eines seiner großen Wahlversprechen eingelöst. Das macht ihn glaubwürdig, auch im Vergleich zum Ensemble von der Spree.