Archiv für den Monat Februar 2010

„Der Schrei eines sterbenden Sauriers“

John Lee Hooker. Anthology – 50 Years

Hans Reffert, einer der White Boys des Blues, erzählte, wie er irgendwann in den siebziger Jahren als junger Musiker nach San Francisco zu einem Blues Festival kam. Und sie spielten alle, die vielen Jungen, Eric Clapton, Jimmy Page, Greatful Dead, die Doors, Jeff Beck und wie sie alle hießen. Zum Schluss, so Reffert, als sie alle durch waren und das Publikum begeistert hatten, wurde es still auf der Bühne. Da stand nur noch ein Stuhl, der angestrahlt wurde. Und dann kam John Lee Hooker mit seiner Gitarre unter dem Arm, setzte sich hin und griff in die Saiten. Und das hörte sich an „wie der Schrei eines sterbenden Sauriers“.

John Lee Hooker, das ist ein Synonym für den großstädtischen und industrialisierten Blues des 20. Jahrhunderts, ohne die tiefen Wurzeln aus dem Mississippi-Delta zu verwischen. Hooker selbst, der – so nimmt man an – 1917 geboren wurde, stammte von dort, er kannte das Schicksal der Cotton Picker und die Geschichten der Sklaverei. 1936 machte er sich auf in den Norden, wo er in Detroit, der Automobilstadt, hängen blieb und 1937 seinen ersten Auftritt hatte. Es folgten bescheidene Hits, Zeiten der Versenkung, in denen er sich als Fabrikarbeiter durchschlug und zahlreiche Comebacks. John Lee Hooker wurde nie ein Star, er war die Personifizierung eines Genres und eines Lebensgefühls.

Titel aus den frühen Jahren wie Boogie Chillun, One Bourbon, One Scotch, One Beer, Hobo Blues, Bottle up an go oder Crawlin´Kings Snake sind Zeugnisse eines Lebensgefühls, das nach Aufbruch strebt und durch Armut gebremst wird, das sich nach Freiheit sehnt und sich im rüden Gestrüpp des industriellen Proletariats zu verwirklichen sucht. Botschaften wie musikalische Schemen Hookers sind eben typisch Blues, sie unterscheiden sich nicht von anderen Vertretern des Genres.

Es gibt nur einen Unterschied: John Lee Hooker war der Blues. Er gehört zu den ganz wenigen, denen es gelungen ist, das Gefühl des Blues auf jeden zu übertragen, der diese Musik hört. Menschen, die nie etwas vom Blues gehört haben, müssen sich nur John Lee Hooker anhören und sie beschreiben hinterher ein Gefühl, das dem Blues entspricht. Hooker war ein kosmisches Grummeln aus der amerikanischen Heimat, das nie zur Resignation verleitete, sondern die Vitalität als etwas Erstrebenswertes vermittelte.

Die vorliegende Anthologie aus fünfzig Jahren teilt sich auf in eine CD, auf der John Lee Hooker nur allein mit seiner Gitarre zu hören ist und in eine mit Bandaufnahmen. Es sind fast alle Titel darauf, die Welthits waren und immer wieder sind, diese Songs können nicht sterben, weil sie gespeist sind von einer tiefen, rauen Humanität. Hooker wirkt immer, er bringt dich zurück zu dir selbst, er lässt dich nicht allein: Boom Boom Boom Boom!

Klientelismus als auto-suggestives Narkotikum

Momentan taucht der schon als ad acta gelegt geglaubte Begriff des Klientelismus wieder in der öffentlichen Debatte auf, um Entwicklungen in der aktuellen Politik zu charakterisieren. Anlass sind steuerlichen Implikationen des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes und der Koalitionsvertrag der derzeitigen Bundesregierung. Die Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für Hotelübernachtungen, das Erschweren von Versandbestellungen für Arzneimittel und freidemokratische Ansinnen in Fragen einer Reform des Gesundheitswesens haben dazu geführt, dass die Opposition sehr laut und sehr kritisch den Bezug zwischen den geplanten Einzelmaßnahmen und bestimmter Partikularinteressen herstellt. Konzedieren muss man, dass die Fragestellung berechtigt ist und es tatsächlich um die Entlarvung einer Form des Klientelismus handelt.

Redlichkeit wird zumeist dann hergestellt, wenn eine gewisse Einheitlichkeit des Maßes vollbracht wird. Anders herum gesprochen, betrachten wir die Politik der gegenwärtigen Opposition, so lässt sich in deren Forderungsportfolio ein direkter Bezug zu gesellschaftlich anderen, aber eben genauso partikularen Interessen identifizieren. Sind es hier die Apotheker, sind es dort die Bezieher von Transferleistungen, sind es hier die Hotelbesitzer, sind es dort Pendler, sind es hier mittelständische Unternehmen, sind es dort Arbeitnehmer. Die Zuordnung ist recht einfach, auf der einen Seite haben wir ein bürgerliches Lager, das wirtschaftlich recht potent ist, auf der anderen Seite ein proletarisch-besitzloses Agglomerat, das eher auf der Verteilungsseite steht. Vom Klientelismus gelockt werden sollen beide Lager, und der Vorwurf der einen politischen Seite kann ohne Probleme von der anderen pariert werden. Es handelt sich um eine eher langweilige Übung, die bei den Wählerinnen und Wählern zu Verdruss führt. Letztendlich dokumentiert der universal applizierte Klientelismus eine strategische Impotenz, die unverzüglich zu behandeln ist.

Die ehemals beiden großen Volksparteien sind in den letzten Jahren einem dramatischen Erosionsprozess ausgesetzt gewesen. Sowohl die Christdemokraten wie die Sozialdemokratie haben erdrutschartige Stimmenverluste hinnehmen müssen, weil die Wählerschaft ihnen nicht mehr zutraut, die politischen Geschicke des Landes befriedigend steuern zu können. Insbesondere die in diesen historischen Zentren der demokratischen Willensbildung verlustig gegangenen, bzw. unscharf gewordenen Weltbilder haben zu dieser Desorientierung geführt. Die Übersättigung durch eine als unantastbar geltende Stellung in nationalem wie internationalem Maßstab brachte eine Selbsteinschätzung hervor, die die Überlebensfähigkeit erheblich in Frage gestellt hat. Hochmut, so heißt es im Volksmund, kommt vor dem Fall.

Besserung hingegen ist derzeit nicht in Sicht. Während die Opposition megärenhaft die Regierung wegen des Gebrauchs klientelistischer Drogen angreift, besinnt sie sich zurück auf die alten Zeiten, wo man selbst zum Monopoldealer für die eigenen Klientelgruppen avanciert war. Helfen tut das freilich nicht, aber es betäubt, ungemein!

Zur Dialektik der Bürokratie

Es gab Zeiten, heute mögen das viele Zeitgenossen kaum noch glauben, da galt eine gut aufgestellte Bürokratie als ein Segen für das Staatswesen. Mit der Bildung moderner Nationalstaaten, die getrieben wurde durch eine beeindruckende Entwicklung der Produktivkräfte und der allmählichen Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Ökonomie fielen dem Staat immer mehr Aufgaben zu, die in Despotien unbekannt waren. Vor allem bei dem Übergang vom fürstlichen Dekret zu einer konstitutionellen Gesetzgebung wurden viele Lebensbereiche der Gesellschaft erfasst. Der Staat mauserte sich mit zu einem hoch ausdifferenzierten Konstrukt, das organisiert werden musste.

Die Herausbildung einer Bürokratie war die Antwort auf die wachsende Komplexität der Gesellschaft und die zunehmende Demokratisierung des Staates. Durch die Organisation des Transfers der Gesetze in die gesellschaftliche Praxis musste ein Apparat her, der gleichmäßig, stetig und uniform funktionierte. Besonders in Gleichmaß und Uniformität lag die Gewährleistung für das Prinzip der Gleichheit, welches die Essenz der Neuzeit ausmachen sollte. Die Bürokratie als eine vor dem Individualismus blinde, unbestechliche und unbeeindruckte Institution hatte etwas zutiefst Demokratisches. Die Vorstellung, dass die Bürokratie etwas Kaltes, Menschenfernes und Weltfremdes sei, war in den Gründerzeiten der Demokratie eine absurde Vorstellung.

Mit der wachsenden Individualisierung in der Postmoderne haben sich sowohl Politik als auch Verwaltung beträchtlichen Veränderungsprozessen unterziehen müssen. Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft führte zu einer immer schwierigeren Konsensbildung in der Politik. Die politischen Koalitionen, die eine Regierungsmehrheit bekamen, einigten sich in ihrer Regierungsprogrammatik zunehmend auf ein Gemisch von klientelistischen Kompromissen, die allesamt in einer immer komplizierter und schwerer auszuführenden Gesetzgebung endeten. Die Bürokratie wurde ihrer brutalen Wahrung der Gleichheit beraubt und stand in einer immer schwerer werdenden Referenz an das Gesetz für eine zu komplizierte Welt.

Der Verlust einer demokratischen Infrastruktur wie der gleichmachenden Bürokratie, die niemandem schmeckt, aber allen gut bekommt, hat zu der Professionalisierung einer Kaste von Jongleuren geführt, die ihrerseits als suspekt gelten, weil sie zu einer semantischen Akrobatik ohnegleichen fähig sind. Die Bürokraten von heute müssen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern das vollbringen, was die Politik schon lange nicht mehr kann: Aus der Tat, die der Staat begehen will, ein durch den allgemeinen Willen legitimiertes Unterfangen zu machen. Das stimmt meist so nicht, weil es in der politisch motivierten Gesetzgebung oft um sehr individuelle Interessen geht, die von dem allgemeinen Willen Lichtjahre entfernt sind.

Vor allem in den Schwellenländern kann man heute, wie in einem historischen Museum, das Wohltuende einer gleichmachenden, unbestechlichen und starren Verwaltung, die ihren Gang geht, beobachten. Dort ist die Bewegung umgekehrt, die Individualisierung der Gesetzesinterpretation wurde soeben überwunden und alle atmen erleichtert auf.