Archiv für den Monat Februar 2010

Formalisierte und informelle Macht

Die Staatsformen der Moderne, die sich mehrheitlich aus dem Gedanken der Demokratie gespeist haben, sind gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit dazu gehalten, Funktionen, Befugnisse und Kompetenzen öffentlich auszuweisen und gesetzlich zu definieren. Zudem sind diese formalisierten Strukturen in eine Beziehung zueinander zu setzen, d.h. es muss unzweifelhaft geklärt sein, wo die Grenzen zu den anderen Funktionen sind und in welcher hierarchischen Abhängigkeit sie zueinander stehen. Es handelt sich hierbei um eine Formalisierung von Macht, die notwendig ist, um die Verantwortung, deren Qualität zur demokratischen Disposition steht, ausfindig machen zu können. Man nennt so etwas auch gerne Transparenz.

Dennoch ist es kein Geheimnis, dass jenseits der offiziellen Organigramme andere Machtzonen existieren, die vornehmlich etwas zu tun haben mit Netzwerken und Fraktionen innerhalb des Gesamtgefüges. Diese wiederum leiten sich ab aus gemeinsamen Anschauungen in bestimmten Lebensfragen, gleichen Veranlagungen und analogen politischen Zielen oder, als kleinstem gemeinsamen Nenner, identischen Feindbildern. Die Ausübung der einzelnen, selbst zu verantwortenden Funktion wird also zum einen bestimmt aus dem Auftrag der formalisierten und damit transparenten Macht und zum anderen aus der diese Funktionen bekleidenden individuellen menschlichen Interessenlage. Daraus entsteht dann ein Profil, das eben nicht stereotyp ist und über dessen Wirksamkeit nur sinnvoll entschieden werden kann anhand der Ergebnisse, die erzielt werden. Spiegeln diese eher die persönlichen Vorlieben wieder, so wurde die Funktion missbraucht, werden funktionelle Ziele mit einer Nutzung individueller Stärken erreicht, so hat das Gemeinwesen davon profitiert.

Trotz der beschriebenen fließenden Grenzen zwischen formalisierter Macht und einer individuellen Akzentuierung ihrer Ausübung existiert eine Korrelation zwischen dem Grad der formellen und der informellen Macht in Bezug auf die Diagnose der zu untersuchenden Gesellschaft oder Organisation. Das wird immer dann sehr deutlich, wenn sich ein Neuling in einer Organisation oder einem für ihn fremden Staat umschaut und – was bleibt ihm auch anderes übrig – auf die Strukturen der formalisierten Macht vertraut. Sehr schnell tritt dann Ernüchterung ein, wenn er feststellen muss, dass manche kaum das wahrnehmen, was sie formalisiert eigentlich tun müssten und er wiederum andere auf seiner Erkundungsreise antrifft, die über ihre eigentliche Funktion Dinge betreiben, die gar nicht formalisiert sind. Das alles ist sehr menschlich, denn die Menschen sind keine Holzbausteine, die man irgendwo zusammenfügt und die funktionieren, egal, wo man sie anordnet.

Bedenklich wird es nur, wenn die verdeckten Strukturen der informellen Macht weitaus wirksamer werden als die der formalisierten. Dann nämlich handelt es sich um den klassischen Fall einer Systemkrise, weil das, woran man die Qualität der Machtausübung bemessen kann, nicht mehr dem entspricht, was wirklich geschieht.

Demoskopische Daten und psychedelische Drogen

Von dem ehemaligen sozialdemokratischen Regierungssprecher Helmut Schmidts, Klaus Bölling, stammt der Satz, der damalige FDP-Vorsitzende und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher inhaliere demoskopische Daten wie psychedelische Drogen. Inwieweit diese Behauptung jemals verifiziert werden konnte, ist sekundär. Klar scheint jedoch zu sein, dass das psychische Abhängigkeitsverhältnis von Politikern gegenüber der öffentlichen Meinung im Laufe der Jahrzehnte noch gestiegen ist. Meinungstests und Umfragen werden zu allen möglichen Anlässen durchgeführt und erhoben und je nach Ergebnis lösen diese zuweilen beträchtliche Hektik aus.

Das Tief der gegenwärtigen Bundesregierung in der Wählergunst hat nun dazu geführt, dass die Protagonisten der Regierungsmacht mit verengten Pupillen durch die Berliner Straßen laufen und wie vom Teufel getrieben nach der erste besten Gelegenheit suchen, um sich den Stoff für einen tiefen Zug zu beschaffen. Selbst die Gelegenheitssnifferin aus der Waschmaschine war unterwegs und wurde gleich um die Ecke, an der Kanalpromenade, fündig. Sie schmiss dem Dealer mit dem seltsamen Alpenakzent gleich ihre Handtasche mit dem gesamten Cash entgegen, weil der ihr eine CD bot, mit der sie sich, so glaubte sie, einen richtig tiefen Zug auf dem demoskopischen Drogenhighway beschaffen konnte.

Der Dealer, ein ziemlich abgefuckter Zeitgenosse, der sich gerne seine Opfer in der besser situierten Welt sucht, weil er weiß, dass die allgemeine Wohlstandsverwahrlosung die moralischen wie die rechtlichen Maßstäbe ziemlich angefressen und er deshalb nichts zu befürchten hat, informierte gleich seinen Ring. Prompt laufen dessen Geschäftsfreunde nun auch in den Landeshauptstädten herum und bieten ihre codifizierten Rezepte feil, die den Junkies eine kräftige Prise verschaffen sollen. Durch die Finanzkrise und die Schweigegeldzahlungen an die Hasardeure des Banksystems ziemlich abgebrannt und schon lange ohne Zuspruch lassen diese sich auf Deals ein, die schon das Aroma von Straßenprostitution und Beschaffungskriminalität verströmen. Aber es hilft nichts, sie brauchen Erleichterung, denn der Liebesentzug durch die Wählerschaft treibt sie in den Wahnsinn.

Dass die Häuser, in denen die Junkies wohnen, immer mehr auch hinter der Fassade bröckeln, dass die Wasserleitungen rosten, die Heizungen lecken, die Stromrechnungen nicht bezahlt sind, die Ziegel vom Dach fallen, in die leeren Wohnungen der Verstorbenen keine Jungen mehr einziehen, der Hausmeister die eigenen Mieter überfällt, der Müll zuweilen aus dem Fenster gekippt wird, dem Auto des Nachbarn die Reifen durchstochen werden und es immer wieder zu innerehelicher Gewalt kommt: Das alles scheint nicht mehr zu stören, denn die Suche nach dem alles erlösenden Zug aus der Schnüffeltüte der Wählergunst ist das einzige Motiv, das Gültigkeit besitzt. Da muss man lange räsonieren, um auf eine Strategie zu stoßen, mit der man dieses Desaster noch bekämpfen kann. Da scheint kein Mitleid mehr zu helfen, eher ein konsequentes NO TOLERANCE!

Communication Breakdown

Keine Gelegenheit, bei der es um die Auslotung unterschiedlicher Interessen geht, kein Thema von gesellschaftlicher Brisanz, keine Situation, in der nicht das erreicht wurde, was intendiert war, in der als letzte, rettende Schimäre die Erklärung auftaucht, es hätte an der richtigen Kommunikation gemangelt. Und der Begriff der Kommunikation hat sich zu dem letzten, großen Tabu gemausert, das von niemandem mehr angezweifelt werden darf – egal, was sich dahinter verbirgt. Denn kaum ein Begriff von größerer Relevanz ist derartig schwammig geworden, derart unpräzise und sakrosankt, derartig nichts sagend. Fast könnte man meinen, die zivilisierte Menschheit sei im Zeitalter der technisch nie da gewesenen Möglichkeiten der Kommunikation ihrer einzigartigen Fähigkeit, sich in komplexer Weise zu verständigen, verlustig gegangen.

Betrachtet man die verschiedenen Gemengelagen, aus denen heraus das Problem der Kommunikation formuliert wird, so kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass die Kommunikation den akzeptierten Platzhalterstatus für den Konflikt einnimmt. Kommunikationsprobleme werden zumeist dann identifiziert, wenn schlichtweg die Courage fehlt, Konfliktlinien herauszuarbeiten, zu benennen und zu verhandeln. Kommunikation wird zu einem Refugium für alle, die entweder dem Wunsch zustreben, Konflikte vermeiden zu wollen oder für diejenigen, die erst gar nicht sich auseinandersetzen oder verhandeln wollen.

Die semantische Dekadenzerscheinung unserer Gesellschaft, sich nicht bewegen zu wollen, wird kaschiert von der Sehnsucht, sich dafür nicht anklagen lassen zu wollen. Stattdessen wird signalisiert, per se sei man zu Veränderungen bereit und unterstütze diese aus vollem Herzen, doch der praktische Kontext, die verschiedenen Aspekte und was noch sonst seien schlecht kommuniziert gewesen, deshalb habe man sich daran eben nicht beteiligt. Schade nur, dass es eine empirisch nachzuweisende Korrelation von Informations- und Kommunikationsfülle und Zurückweisung gibt. Man liebt den Stillstand, spricht von der notwendigen Bewegung und trauert dem Kommunikationsdesaster nach.

In der neueren, anthropologisch ausgerichteten Kommunikationsforschung werden die Bedingungen für die Fähigkeit der Menschen, sich in komplexen Zusammenhängen zu verständigen sehr überzeugend entwicklungsgeschichtlich rekonstruiert. Die entscheidende Erkenntnis dieser Untersuchungen besteht in der Wahrnehmung einer vorhandenen psychologischen Struktur gemeinsamer Intentionalität. Angesichts der immer wieder bemühten Argumentation sollte man auf dieser Folie arbeiten und die Frage stellen, inwieweit diese psychologische Struktur gemeinsamer Intentionalität noch vorliegt. Meistens nämlich nicht. Wer nicht will, der kann nicht. Der Eigensinn triumphiert dann über die Gattungsspezifik. Eine hervorragende Konfliktlinie, die man nicht aus den Augen verlieren darf. Wer seine Interessen hinter der Nebelschwade gasiger Kommunikation verbirgt, der will die andere Seite täuschen. Communication Breakdown!