Unter deutschen Managern, die im Zeichen der Globalisierung des Öfteren den sie beschäftigenden multinationalen Konzern wechseln, kursiert eine Warnung an die Berufskollegen. Sie besagt, dass man tunlichst vermeiden sollte, sich von einem Konzern engagieren zu lassen, in dem chinesisches Management das Sagen hat. Selbst unter diesen Hochleistern hat man gewaltige Manschetten vor dem Druck und der Rigorosität, den chinesische Manager erzeugen. Sie pressen dich aus wie eine Zitrone, für sie gilt nur Leistung und Ergebnis, so heißt es.
Mal abgesehen davon, dass die Orientierung auf Leistung und Ergebnis den originären Sinn von unternehmerischem Handeln ausmachen und sich die Frage stellt, wie extrem dieses Ansinnen in dem einen oder anderen Kulturkreis definiert wird, ist es noch interessanter, diese Aussage, der bis dato niemand widersprochen hat, vor dem Bild zu sehen, das doch immer wieder von China gezeichnet wird. Da ist die Rede von einem gelenkten, staatsmonopolistischen Kapitalismus unter kommunistischer Führung, die ihrerseits die Nomenklatura bildet für die Besetzung der strategisch relevanten Stellen. Wäre dieses exklusiv der Fall, dann zählte die Parteizugehörigkeit mehr als die Leistung und die Linientreue mehr als das Ergebnis. Sieht man sich jedoch die Resultate chinesischen Wirtschaftens genau an, so erscheint diese Deutung abstrus.
Die gewaltigen wirtschaftlichen Leistungen der Volksrepublik China sind nur zu verstehen, wenn man den allgemeinen Fortschritt der Produktivität mit den Werten und Einstellungen in der Gesamtbevölkerung korreliert und sich fragt, wer letztendlich die Machtpositionen erhält. Dass China eine konfuzianische Wertorientierung in sich birgt, in deren Zentrum die Leistung steht, ist das eine. Dass diese Wertorientierung in einer Bevölkerung lebt, die an den Lohn für die Leistung glaubt, ist das andere und es sagt etwas aus über das Vertrauen der Menschen in ihr System. Das mag den Satten in den niedergehenden Ökonomien nicht schmecken und sie dazu verleiten, die aufstrebende und vor allem bereits real existente Macht zu diskreditieren, und sei es, man huldigt im Exil lebende Schamanen aus der Feudalzeit – aber es ändert nichts an dem Faktum.
Und obwohl die Kommunistische Partei das Machtzentrum des neuen Chinas ist, und obwohl es Fälle von Korruption und Nepotismus gibt, scheint es in der Gesamtheit gelungen zu sein, die Funktionäre und Manager nach den Kriterien von Fähigkeit und Leistung auszusuchen. So treffen wir in der funktionsbezogenen herrschenden Klasse Chinas eine moderne Form der Meritokratie an, also einer Herrschaft, die auf dem Verdienst für das Gemeinwesen oder die Organisation basiert. Diese Klasse ist aufgrund der eigenen Professionalität und Durchsetzungskraft an Selbstbewusstsein nicht mehr zu überbieten. Das zeigt sie, wenn sie ihrer Kerntätigkeit nachgeht und das macht sie so gefürchtet. Als Staat hingegen hält sich das neue China sehr zurück und ist überaus maßvoll, verglichen mit der Macht, die es tatsächlich schon inne hat.
