Der Fluch des Normativen

Irgendwie passt es nicht ins Bild. Da wird seit ungefähr zwanzig Jahren von den Leistungsträgern einer Gesellschaft gesprochen, deren Mühen sich wieder lohnen sollen. Gemeint sind zumeist Unternehmer und Geschäftsleute, die durch ihre Initiativen und Ideen wirtschaftliche Bewegung auslösen. Diejenigen, die das dann umsetzen und deren Entgelt durch ein beachtliches Steueraufkommen abgeschmolzen wird, fühlen sich zwar häufig durch den politischen Slogan angesprochen, aber Zielgruppe sind sie nicht. Die eigentliche Zielgruppe zahlt im internationalen Vergleich nicht die große Steuerlast. Zudem findet man immer wieder exponierte Vertreter dieser Spezies, die z.B. in den USA in Fußfesseln der Öffentlichkeit vorgeführt würden, hier aber zu den Banketten des offiziellen Berlins gerne eingeladen werden.

Was wir erleben, ist eine fast typische Geschichte, die in die Annalen der allgemeinen Dekadenzforschung gehört. Das Normative nämlich, das Postulat, dass sich Leistung lohnen müsse, ist ein Satz, den jeder unterschreiben kann. Angesichts der Erfahrungen, die zu sammeln wir gezwungen sind, drängt sich die Frage auf, was mit dem Lohn wohl gemeint sein kann. Denn es gibt Einkünfte auf erbrachte Leistungen, von denen Steuern und direkte Beiträge zum Sozialnetz wieder abgezogen werden, sodass das Dasein als ein hartes bezeichnet werden muss. Das an sich ist keine Schmach und wir sollten uns endlich von der zivilreligiösen Vorstellung verabschieden, dass unsere Existenz hier auf Erden dazu da sei, jedem das Glück zu bescheren und die Mühsal zu ersparen. So verblendet waren selbst die Menschen im Mittelalter nicht, nein, gegen heute scheinen sie sogar hoch aufgeklärte Vertreter ihrer Gattung gewesen zu sein.

Andererseits müssen wir feststellen, dass die direkten Adressaten des normativen Leistungsslogans zu den Wohlhabenden zählen. Das ist kein Verbrechen. Was allerdings einige dieser Spezies, die man getrost zu der so genannten Elite des Landes zählen muss, veranstalten, um sich der Verantwortung als sozialem Wesen zu entziehen, das ist nicht mehr dazu angetan, gesellschaftliche Synergien zu schaffen. Die Hinterziehung von Steuern, weil man das Gemeinwesen nicht als das seine betrachtet, das Verzocken von Vermögen, an deren Wirken andere Existenzen hängen, der Verkauf von Produktionsanlagen, weil man die Mühen scheut, und die Zahlung von Geldern, um Vorteile zu erlangen, die Mittellosen verwehrt werden, all das sind Eigenschaften, die fern sind von der normativen Formulierung des Leistungsbegriffs.

Die kulturelle Deformation des politischen Diskurses ist bereits soweit fortgeschritten, dass man gut beraten ist, hinter vernünftig klingenden Zielen den reinen Zynismus oder die bloße Infamie zu suchen. Und es fällt schwer, noch Impulse zu entdecken, die frei sind von Zynismus oder Eigennutz. Der Fluch des Normativen ist, dass es dazu verleitet, die Worte mit den Taten vergleichen zu wollen. Und in den hier geschilderten Fällen kann das nicht anders als böse ausgehen.