Die Klassen der Weltgesellschaft

Die heftigen und emotional geladenen Diskussionen um die Äußerungen des FDP-Parteivorsitzenden Guido Westerwelle verdeutlichen, dass ein Lebensnerv unserer Gesellschaft getroffen wurde. Wenn die Zahl sicher ist, die gehandelt wird, leben in der Bundesrepublik 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung von sozialen Transferleistungen, und zwar mehr schlecht als recht. Dass in diesem Land eine Verantwortung gegenüber denen existiert, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eine geregelte Arbeit finanzieren können, ist eine der großen Errungenschaften politischer Zivilisation. Sie in Frage zu stellen, wäre nicht weiter führend, sondern ein Konzept der Vergangenheit.

Was wir allerdings momentan an Rhetorik erleben, ist von beiden Seiten eine beschämende Spiegelfechterei. Man weiß, nach welchen Figuren getanzt werden muss, um die jeweils relevante Zielgruppe zu bedienen. Letztendlich haben wir in unserer Gesellschaft zwei tief in Mitleidenschaft gezogene Lager, die so langsam mit ihrem Latein am Ende sind. Da sind zum einen diejenigen, die in Arbeit stehen und deren Einkünfte reichen, deren Arbeitsleben aber einen Absorptionsgrad erreicht hat, der nur noch wenig vom Leben übrig lässt. Hinzu kommt, dass die zunehmend erdrückendere Last der Ausgaben des Gemeinwesens durch Abgaben dieser Klasse finanziert wird. Voraussetzung dieser Kohorte ist zumeist eine Qualifikation, die die komplizierter werdende und sich komplexer gestaltende Arbeitswelt bedient und eine Psychostruktur, die mit dem Dauerdruck umzugehen in der Lage ist. Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, die aufgrund von weniger Qualifikation und geringerer psychischer Belastbarkeit und einer daraus abgeleiteten international vorhandenen Konkurrenz keine Chance mehr haben.

Die rhetorische Choreographie, die wir momentan beobachten können, berührt die Emotionalität beider Seiten, ist vom Niveau jedoch ein Affront gegen alle. Die Verhältnisse derjenigen, die durch Arbeits- und Finanzbelastung auch nicht so leben, wie man es ihnen vorwirft, werden dadurch nicht besser und diejenigen, deren potenzielle Arbeitsplätze längst in der Ukraine, in Lettland, Brasilien, China, Indien oder Indonesien liegen, haben davon nichts, wenn sie beschimpft werden. Die Argumentationsmuster sind längst abgenutzt, der Trend der arbeitsmäßigen globalen Diversifizierung währt bereits Jahrzehnte und die politisch Handelnden haben nicht den Mut, offen über das zu verhandeln, worum es geht. Auf dem freien Markt sind Mindestlöhne die Garantie von Arbeitsplätzen überall in der Welt, nur nicht hier. Die Weltgesellschaft zeigt einer national gewachsenen sozialen Stratifikation ihr brutales Gesicht und es gibt nichts, was dieses Faktum aus der Welt schaffen könnte.

Solange wir nicht über die Tatsache zu diskutieren bereit sind, dass wir auf dem freien Weltmarkt für einige Millionen Menschen in diesem Land keine Arbeit mehr finden werden, solange können wir uns nicht die Frage stellen, wie wir diesen Menschen eine Rolle geben können, in der sie unter würdevollen Bedingungen in dieser Gesellschaft einen nützlichen Beitrag werden leisten können. Herausforderungen gäbe es genug.