Ein Jazzschlagzeuger, übrigens einer der guten seines Metiers, erzählte von den Erfahrungen, die er beim Geldverdienen machte. Es ging dabei nicht um die Gelegenheiten, die sich bei seiner eigentlichen Passion ergaben, denn da ist für die meisten nichts zu holen. Wie viele gute Musiker verdient auch er seine Brötchen bei ganz anderen Gelegenheiten. Hochzeiten sind gut, manchmal auch Beerdigungen. Aber richtig klingelt es in der Kasse, wenn man den Sprung auf die großen Volksfeste schafft. Ihm war es gelungen, ein Engagement auf der Cannstatter Wasn in Stuttgart zu ergattern. Für gutes Geld musste er während der ganzen Veranstaltung viele Stunden am Tag Volks- und Trinklieder begleiten, vor tausenden von entrückten Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die jährlich die Gelegenheit nutzen, um dem Alltag zu entrinnen.
Sonst an die feinen Rhythmuswechsel und Improvisationen gewöhnt, drosch der gute Mann hier, sediert durch Unmengen von Alkohol, primitivste Weisen, immer auf die Eins. Beim ersten Mal hatte er damit gerechnet, auf ein älteres, gesetztes Publikum zu treffen, das einer anderen Zeit entstammte und in feinem Trachtenzwirn seinen archaischen Ritualen nachging. Umso erstaunter war er, als er feststellen musste, dass es sich bei dem überwiegenden Teil um junge Menschen handelte, die sich dort einfanden, gekleidet wie die Alten, und kollektiv bis in die letzte Choreographie hinein dumpfen Wahnsinn in die Superlative trieb. „Da“, so schloss er, „habe ich erst begriffen, in was für einem Land ich lebe!“
Trotz seiner systematisch betriebenen Entrückung, die er betrieb, um die für seine Verhältnisse schreckliche Tortur zu überstehen, hat der Mann in der unverwechselbaren Art eines klugen Dialektikers die richtige Schlussfolgerung gezogen. Statt sich über das zu mokieren, was er erlebt hatte, stellte er die Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext und sah, was massenhaft in den Seelen unseres Volkes schlummert. Das vor Augen, ist vieles, was uns im Alltag manchmal befremdet, gar nicht mehr so erstaunlich. Das Unterbewusste, das unter der scheinbar zivilisierten und formell verfeinerten Hülle der Zeitgenossen wirkt, bestimmt in vielfältiger Weise ihre Urteile, was die Vorgänge in der zivilen Welt betrifft.
Die gegenwärtigen Festivitäten der Fasnacht oder des Karnevals sind unter diesem Aspekt eine reichhaltige Fundgrube. Auch dort entlädt sich das Gefühl, das aus den Tiefen des Daseins spricht. Die über den Witz transportierten Botschaften aus den Prunksitzungen sind beste Dokumente, die erklären, warum und wie Politik funktioniert. Teils überwinden sie die gepanzerten Schutzschilde der ansonsten herrschenden Tabus und entblößen so manches Motiv. Natürlich kann man sich über das Ganze mokieren und es dabei belassen. Das putzt vielleicht in dem einen oder anderen Fall das Selbstwertgefühl einer gepeinigten Bildung auf, aber es lässt eine Erkenntnis auf dem Boden liegen, die aufgrund ihres Charakters nicht verschmäht werden sollte. Vieles ist anstößig und brutal. Aber so ist das Land, in dem du lebst.
