Formalisierte und informelle Macht

Die Staatsformen der Moderne, die sich mehrheitlich aus dem Gedanken der Demokratie gespeist haben, sind gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit dazu gehalten, Funktionen, Befugnisse und Kompetenzen öffentlich auszuweisen und gesetzlich zu definieren. Zudem sind diese formalisierten Strukturen in eine Beziehung zueinander zu setzen, d.h. es muss unzweifelhaft geklärt sein, wo die Grenzen zu den anderen Funktionen sind und in welcher hierarchischen Abhängigkeit sie zueinander stehen. Es handelt sich hierbei um eine Formalisierung von Macht, die notwendig ist, um die Verantwortung, deren Qualität zur demokratischen Disposition steht, ausfindig machen zu können. Man nennt so etwas auch gerne Transparenz.

Dennoch ist es kein Geheimnis, dass jenseits der offiziellen Organigramme andere Machtzonen existieren, die vornehmlich etwas zu tun haben mit Netzwerken und Fraktionen innerhalb des Gesamtgefüges. Diese wiederum leiten sich ab aus gemeinsamen Anschauungen in bestimmten Lebensfragen, gleichen Veranlagungen und analogen politischen Zielen oder, als kleinstem gemeinsamen Nenner, identischen Feindbildern. Die Ausübung der einzelnen, selbst zu verantwortenden Funktion wird also zum einen bestimmt aus dem Auftrag der formalisierten und damit transparenten Macht und zum anderen aus der diese Funktionen bekleidenden individuellen menschlichen Interessenlage. Daraus entsteht dann ein Profil, das eben nicht stereotyp ist und über dessen Wirksamkeit nur sinnvoll entschieden werden kann anhand der Ergebnisse, die erzielt werden. Spiegeln diese eher die persönlichen Vorlieben wieder, so wurde die Funktion missbraucht, werden funktionelle Ziele mit einer Nutzung individueller Stärken erreicht, so hat das Gemeinwesen davon profitiert.

Trotz der beschriebenen fließenden Grenzen zwischen formalisierter Macht und einer individuellen Akzentuierung ihrer Ausübung existiert eine Korrelation zwischen dem Grad der formellen und der informellen Macht in Bezug auf die Diagnose der zu untersuchenden Gesellschaft oder Organisation. Das wird immer dann sehr deutlich, wenn sich ein Neuling in einer Organisation oder einem für ihn fremden Staat umschaut und – was bleibt ihm auch anderes übrig – auf die Strukturen der formalisierten Macht vertraut. Sehr schnell tritt dann Ernüchterung ein, wenn er feststellen muss, dass manche kaum das wahrnehmen, was sie formalisiert eigentlich tun müssten und er wiederum andere auf seiner Erkundungsreise antrifft, die über ihre eigentliche Funktion Dinge betreiben, die gar nicht formalisiert sind. Das alles ist sehr menschlich, denn die Menschen sind keine Holzbausteine, die man irgendwo zusammenfügt und die funktionieren, egal, wo man sie anordnet.

Bedenklich wird es nur, wenn die verdeckten Strukturen der informellen Macht weitaus wirksamer werden als die der formalisierten. Dann nämlich handelt es sich um den klassischen Fall einer Systemkrise, weil das, woran man die Qualität der Machtausübung bemessen kann, nicht mehr dem entspricht, was wirklich geschieht.