Communication Breakdown

Keine Gelegenheit, bei der es um die Auslotung unterschiedlicher Interessen geht, kein Thema von gesellschaftlicher Brisanz, keine Situation, in der nicht das erreicht wurde, was intendiert war, in der als letzte, rettende Schimäre die Erklärung auftaucht, es hätte an der richtigen Kommunikation gemangelt. Und der Begriff der Kommunikation hat sich zu dem letzten, großen Tabu gemausert, das von niemandem mehr angezweifelt werden darf – egal, was sich dahinter verbirgt. Denn kaum ein Begriff von größerer Relevanz ist derartig schwammig geworden, derart unpräzise und sakrosankt, derartig nichts sagend. Fast könnte man meinen, die zivilisierte Menschheit sei im Zeitalter der technisch nie da gewesenen Möglichkeiten der Kommunikation ihrer einzigartigen Fähigkeit, sich in komplexer Weise zu verständigen, verlustig gegangen.

Betrachtet man die verschiedenen Gemengelagen, aus denen heraus das Problem der Kommunikation formuliert wird, so kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass die Kommunikation den akzeptierten Platzhalterstatus für den Konflikt einnimmt. Kommunikationsprobleme werden zumeist dann identifiziert, wenn schlichtweg die Courage fehlt, Konfliktlinien herauszuarbeiten, zu benennen und zu verhandeln. Kommunikation wird zu einem Refugium für alle, die entweder dem Wunsch zustreben, Konflikte vermeiden zu wollen oder für diejenigen, die erst gar nicht sich auseinandersetzen oder verhandeln wollen.

Die semantische Dekadenzerscheinung unserer Gesellschaft, sich nicht bewegen zu wollen, wird kaschiert von der Sehnsucht, sich dafür nicht anklagen lassen zu wollen. Stattdessen wird signalisiert, per se sei man zu Veränderungen bereit und unterstütze diese aus vollem Herzen, doch der praktische Kontext, die verschiedenen Aspekte und was noch sonst seien schlecht kommuniziert gewesen, deshalb habe man sich daran eben nicht beteiligt. Schade nur, dass es eine empirisch nachzuweisende Korrelation von Informations- und Kommunikationsfülle und Zurückweisung gibt. Man liebt den Stillstand, spricht von der notwendigen Bewegung und trauert dem Kommunikationsdesaster nach.

In der neueren, anthropologisch ausgerichteten Kommunikationsforschung werden die Bedingungen für die Fähigkeit der Menschen, sich in komplexen Zusammenhängen zu verständigen sehr überzeugend entwicklungsgeschichtlich rekonstruiert. Die entscheidende Erkenntnis dieser Untersuchungen besteht in der Wahrnehmung einer vorhandenen psychologischen Struktur gemeinsamer Intentionalität. Angesichts der immer wieder bemühten Argumentation sollte man auf dieser Folie arbeiten und die Frage stellen, inwieweit diese psychologische Struktur gemeinsamer Intentionalität noch vorliegt. Meistens nämlich nicht. Wer nicht will, der kann nicht. Der Eigensinn triumphiert dann über die Gattungsspezifik. Eine hervorragende Konfliktlinie, die man nicht aus den Augen verlieren darf. Wer seine Interessen hinter der Nebelschwade gasiger Kommunikation verbirgt, der will die andere Seite täuschen. Communication Breakdown!