Es gab Zeiten, heute mögen das viele Zeitgenossen kaum noch glauben, da galt eine gut aufgestellte Bürokratie als ein Segen für das Staatswesen. Mit der Bildung moderner Nationalstaaten, die getrieben wurde durch eine beeindruckende Entwicklung der Produktivkräfte und der allmählichen Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Ökonomie fielen dem Staat immer mehr Aufgaben zu, die in Despotien unbekannt waren. Vor allem bei dem Übergang vom fürstlichen Dekret zu einer konstitutionellen Gesetzgebung wurden viele Lebensbereiche der Gesellschaft erfasst. Der Staat mauserte sich mit zu einem hoch ausdifferenzierten Konstrukt, das organisiert werden musste.
Die Herausbildung einer Bürokratie war die Antwort auf die wachsende Komplexität der Gesellschaft und die zunehmende Demokratisierung des Staates. Durch die Organisation des Transfers der Gesetze in die gesellschaftliche Praxis musste ein Apparat her, der gleichmäßig, stetig und uniform funktionierte. Besonders in Gleichmaß und Uniformität lag die Gewährleistung für das Prinzip der Gleichheit, welches die Essenz der Neuzeit ausmachen sollte. Die Bürokratie als eine vor dem Individualismus blinde, unbestechliche und unbeeindruckte Institution hatte etwas zutiefst Demokratisches. Die Vorstellung, dass die Bürokratie etwas Kaltes, Menschenfernes und Weltfremdes sei, war in den Gründerzeiten der Demokratie eine absurde Vorstellung.
Mit der wachsenden Individualisierung in der Postmoderne haben sich sowohl Politik als auch Verwaltung beträchtlichen Veränderungsprozessen unterziehen müssen. Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft führte zu einer immer schwierigeren Konsensbildung in der Politik. Die politischen Koalitionen, die eine Regierungsmehrheit bekamen, einigten sich in ihrer Regierungsprogrammatik zunehmend auf ein Gemisch von klientelistischen Kompromissen, die allesamt in einer immer komplizierter und schwerer auszuführenden Gesetzgebung endeten. Die Bürokratie wurde ihrer brutalen Wahrung der Gleichheit beraubt und stand in einer immer schwerer werdenden Referenz an das Gesetz für eine zu komplizierte Welt.
Der Verlust einer demokratischen Infrastruktur wie der gleichmachenden Bürokratie, die niemandem schmeckt, aber allen gut bekommt, hat zu der Professionalisierung einer Kaste von Jongleuren geführt, die ihrerseits als suspekt gelten, weil sie zu einer semantischen Akrobatik ohnegleichen fähig sind. Die Bürokraten von heute müssen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern das vollbringen, was die Politik schon lange nicht mehr kann: Aus der Tat, die der Staat begehen will, ein durch den allgemeinen Willen legitimiertes Unterfangen zu machen. Das stimmt meist so nicht, weil es in der politisch motivierten Gesetzgebung oft um sehr individuelle Interessen geht, die von dem allgemeinen Willen Lichtjahre entfernt sind.
Vor allem in den Schwellenländern kann man heute, wie in einem historischen Museum, das Wohltuende einer gleichmachenden, unbestechlichen und starren Verwaltung, die ihren Gang geht, beobachten. Dort ist die Bewegung umgekehrt, die Individualisierung der Gesetzesinterpretation wurde soeben überwunden und alle atmen erleichtert auf.
