Die Hölle auf Erden tritt meist über Nacht in das globale Bewusstsein. Wie beim Tsunami 2004 und bei dem gestrigen Erdbeben auf Haiti treten plötzlich Zonen dieser Erde ins Rampenlicht, die vorher kaum das Interesse erregten. Wer wusste schon vor dem Tsunami und den hunderttausenden von Toten, dass in der Region Banda Aceh im Norden Sumatras nach einem dreihundertjährigen, blutigen Kolonialkrieg nahtlos ein vierzigjähriger Guerillakrieg gefolgt war, der an Brutalität den Auseinandersetzungen zwischen US-Streitkräften und Vietkong in Vietnam nichts nachstand? Und wer hat jetzt, nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti, präsent, was dort, oder besser gesagt hier, mitten in der westlichen Welt, auf dem amerikanischen Kontinent, aus der ersten freien Sklavenrepublik in den letzten Dekaden geworden ist?
Die Geschichte dieses Landes gehört sicherlich zu den dunkelsten Seiten der westlichen Eroberung. Ende des XV. Jahrhunderts durch die Spanier entdeckt und besiedelt, wurde die Urbevölkerung in wenigen Jahrzehnten komplett ausgerottet. Im XVII. Jahrhundert wurde die Insel bis auf die Herrschenden durchweg mit afrikanischen Sklaven neu bevölkert, die auf den Zuckerplantagen eingesetzt wurden. 1697 übernahm Frankreich das Land unter dem Namen Saint-Domingue als Kolonie und im folgenden Jahrhundert geriet es zur wohlhabendsten Kolonie des gesamten französischen Reiches. Im Jahr 1804 erreichte es unter dem Namen Haiti als erstes Land ehemaliger Sklaven die Unabhängigkeit.
Wie viele ehemalige Kolonien, litt das Land an einer mangelnden Infrastruktur, nicht vorhandener Volksbildung und einer nur mit Superlativen zu umschreibenden korrupten Politik und Verwaltung. Die letzten Herrscherdynastien, die vielleicht dem einen oder anderen noch unter den schillernden Namen wie Francois Papa Doc Duvalier, Jean-Claude Baby Doc Duvalier, Jean-Bertrand Aristide oder René Préval bekannt sind, haben das Land vollends in den Abgrund getrieben. Gegenwärtig wird die Bevölkerung auf neun Millionen geschätzt, obwohl in den letzten zehn Jahren über drei Millionen wegen des Elends das Land verlassen haben. Die gegenwärtige Lebenserwartung beträgt 50 Jahre, die Säuglingssterblichkeit liegt knapp unter zehn, die Kindersterblichkeit bei über dreizehn Prozent, ca. fünfundfünfzig Prozent der Haitianer gelten als Analphabeten. Das Land ist wirtschaftlich wie politisch ohne Perspektive.
Die Erdbebenkatastrophe wird dazu führen, dass zumindest für einige Zeit die Aufmerksamkeit auf dieses Land gerichtet ist, dass Hilfsaktionen organisiert und durchgeführt werden und die Desasterbranche boomt. Die Welt der organisierten Hilfe schafft viel Gutes, aber sie produziert auch neue Gewinnlerkasten, die zumindest das Potenzial aufweisen, die alten Verhältnisse zu stabilisieren. Das mitleidige Herz der Menschen aus den Zentren dieser Welt kann ad hoc durch die Öffnung des Portemonnaies helfen, eine international eingebettete Politik, die nicht nur Schurkenstaaten in fremden Hemisphären anprangert, sondern auch im eigenen Haus dem Verbrechen den Kampf ansagt, ersetzt das nicht.

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