Empedokles und die Balance des Lebens

In Agrigent, auf dem heutigen Sizilien, einem der Zentren der antiken neuen Welt, siedelten sich die Griechen an, denen das Mutterland zu rigide und entwicklungsarm geworden war. Hier, an der neuen Küste, versuchten sie ihre Lebensentwürfe auszuleben und schufen Großes. Das hinderte sie, die Exilanten, nicht daran, das Hier und Jetzt zu würdigen. Im Gegensatz zur modernen Spezies Mensch lieferte die Antike ein freundlicheres Lebenskonzept. Es bejahte das Diesseits mit den sensuellen Genüssen und mahnte, dennoch im Stadium der prognostizierten Sterblichkeit etwas für das Jenseits zu tun. So herrschte in Agrigent ein Volk, das wusste zu leben und dennoch große wirtschaftliche, philosophische und architektonische Werte der Nachwelt hinterließ. Empedokles, der führende Kopf dieser Zeitgenossen, charakterisierte die Agrigenter auf seine ihm eigene, unnachahmliche Weise: „Sie bauen, als wollten sie ewig leben und sie essen, als müssten sie morgen sterben.“

Das geschilderte Lebenskonzept beinhaltet einen Charme, der trotz aller verfügbaren, marktgerechten Life-Balance-Pakete unserer Tage alles überstrahlt. Der Versuch des modernen Menschen, sich in einem quasi trans-existenziellen Modell zu positionieren, scheitert an der Dominanz der jeweils verfügbaren Hälften. Auf der einen Seite sind die monotheistischen Religionen, die monomanischen Ideologien oder die monokausalen Welterklärungen, die in den Supermärkten der Erklärungsindustrie feilgeboten werden, nicht dazu geeignet, das Individuum in einen selbstbewussten, größeren Kontext zu stellen. Andererseits hat die Dekonstruktion des Informationszeitalters dazu geführt, große existenzielle Entwürfe durch profane, kurzatmige Episodenhaftigkeit zu ersetzen. Das hat nicht nur zur Desorientierung der Menschen geführt, sondern ihnen auch das Glück genommen. Das Streben nach einem neuen Sinn, der sich aus der Duplizität von Diesseits und Jenseits definiert, ist enorm und gehört zum Doppelcharakter der Ersatzreligionen unserer Tage. Indem wir nach diesen Konzepten suchen, protestieren wir gegen das reale Sein, indem wir uns in das Jenseitige zu flüchten suchen, unterstützen wir den Bestand der Verhältnisse, die wir zu überwinden suchen.

So wie es scheint, sind die glücklichen Zeiten der Menschheit längst überwunden. Es hieße jedoch zu resignieren, sich diesem Schicksal unwidersprochen zu fügen. Das geniale der Geschichte besteht in ihrer semantischen Asymmetrie, die letztendlich dazu einlädt, durch einen kleinen Anstoß der Entwicklung eine ganz neue Richtung geben zu können. Die Voraussetzung für den Versuch des Unmöglichen ist immer die Existenz bewusst handelnder Subjekte, die ein Bild, eine Vision davon haben, was sie erreichen wollen. Eine Perspektive zu haben erleichtert den Umgang mit der Bipolarität des Daseins, der ständigen Spannung zwischen einer Konzeption, die die eigene Lebenszeit überdauert und dem Wunsch, die aktuelle Stunde dem Genuss zu widmen. Doch auf diesem Weg erwächst die Lust nach Verantwortung, und sie wahrzunehmen bedeutet, das Unmögliche zu vollbringen. Es geht um eine Art genüssliche Vision, die jenseits der Verantwortung nicht vorstellbar ist. Man könnte es auch eine empedokledische Ruhe nennen.