Das Imperium übernimmt die Regie

Präsident Obama hat keine Sekunde gezögert. Bei Bekanntwerden des verheerenden Erdbebens in Haiti hat er die Vereinigten Staaten in der Verantwortung gesehen. Noch in der Nacht wandte er sich über sein weltweites Netzwerk in einem Brief an seine Sympathisanten und bat um Unterstützung für die anstehenden Hilfsaktionen. Gleichzeitig gab er als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte die Order, die Hilfe vor Ort zu organisieren. Zunächst 6.000, mittlerweile 10.000 US-Soldaten wurden in die Krisenregion geschickt, Flugzeugträger nahmen Kurs auf die Karibik und in kurzer Zeit war der Flughafen in Port au Prince besetzt und gesichert. Die Organisation der Hilfe wird seitdem von einer Weltmacht beherrscht, die einzig in der Lage ist, System und Koordination in das dort herrschende Chaos zu bringen. Angesichts der ersten Berichte kann man einen Eindruck davon gewinnen, worin die Vorzüge einer imperialen Macht liegen.

Es spricht nicht nur für das neue Selbstverständnis der USA, dass sie sich in diesem Fall einer Naturkatastrophe in der Pflicht sehen. Natürlich sprechen auch Sicherheitsinteressen für diese Aktion, war doch Haiti schon in der Vergangenheit mit seiner desolaten Struktur und durch zwei Jahrhunderte des permanenten Elends in einem disparaten Zustand, der Elend, Kriminalität und Instabilität geradezu provozierte. Und wieder war es der französische Kolonialismus, der ein Erbe hinterlassen hatte, um deren Verheerungen sich letztendlich die USA kümmerten. Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1804, als sich Haiti als die erste Republik ehemaliger Sklaven definierte, in der die Sklaverei formell abgeschafft war, hatte sich das zwar bürgerliche, aber immer noch koloniale Frankreich mit einem Diktum aus der Affäre gezogen, dass Haiti noch über Dekaden Reparationen zahlen ließ, die durch ihre Höhe eine Dimension hatten, dass das Land nie auf die Beine kam. Ohne Infrastruktur, ohne Bildung, ohne Gesundheitswesen, ohne Verwaltung und ohne eine Elite, die in positivem Sinne diesen Namen verdient hätte. Wieder machte Frankreich wie kein anderes Land deutlich, dass die Formalisierung der bürgerlichen Demokratie im eigenen Land nicht notwendig verbunden war mit einer Demokratisierung des eigenen Verständnisses von einem zukunftsfähigen Völkerrecht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im eigenen Land verhinderten nicht die Fortführung des kolonialen Gestus.

Wie im Falle Indochinas, so wird am Beispiel Haitis in diesen Tagen deutlich, wie treu und dankbar die USA den Unterstützern aus der Vergangenheit sind. Wenige Schiffe mit Waffenlieferungen, organisiert von dem Opernlibrettisten Beaumarchais und der Einsatz einiger junger Adeliger wie General Lafayette aus dem monarchistischen Frankreich, die auf das Werben Benjamin Franklins in Paris reagierten, um den Unabhängigkeitskrieg gegen England zu unterstützen, reichten aus, um ein Gefühl von Dankbarkeit bis in die heutigen Tage zu erhalten. Das Imperium steht zu seinem Erbe.