Fast jede Regierung in der Geschichte der Bundesrepublik stand zu Beginn ihrer Amtszeit vor dem gleichen Problem. In den Wahlkämpfen waren sie mit Ausnahme der frühen Aufbaujahre vor das Volk getreten und hatten materielle Verbesserungen versprochen. In der Zeit eines entfesselten Wachstums entsprach das durchaus den Möglichkeiten und vor allem die Verbesserung der Lebensverhältnisse derer, die hart gearbeitet hatten und zur Stunde des Neubeginns im wahrsten Sinne des Wortes bei Null anfingen, war mehr als gerecht.
Was sich im Laufe der Zeit aus diesem zunächst erfolgreichen Politikkonzept entwickelte, war das Versäumnis, politische Zielsetzungen mit einer strategischen Dimension zu formulieren. Stattdessen wurde die Arithmetik der Verteilung immer komplizierter und absurder. Mit der sozialen Stratifikation und Diversifizierung der Gesellschaft wurden, je nach politischem Lager, die potenziellen eigenen Klientelgruppen fein säuberlich dokumentiert und durch eine Aufreihung von Einzelmaßnahmen, die die Verteilung von materiellen Vorteilen zum Inhalt hatten, bedient. Auch das wurde immer kleinteiliger und spezieller. Die vorläufigen Ergebnisse dieser Entwicklung sehen wir heute. Der politische Diskurs wird geführt über einzelne Gebühren, spezielle Steuervergünstigungen, gesonderte Besteuerungen, absetzbare Pauschalen, Einzelzuwendungen etc. etc., ohne dass eine politische Programmatik noch erkennbar wäre. Es entsteht der Eindruck, dass die Parteistrategien nicht mehr aus politischen Notwendigkeiten und einem Gestaltungswillen heraus entstehen, sondern das Werk von Finanzmathematikern geworden ist.
Die Bevölkerung, die sich mehrheitlich und periodisch von dem politischen Geschäft enttäuscht zeigt, wird hingegen voll von der Zuwendungsdiskussion absorbiert und kann mitnichten für sich reklamieren, eine politisch in die Zukunft weisende Programmatik zu fordern. Die Debatten drehen sich dort um die Verteilung von Vorteilen und Gütern, deren Sinn gar nicht mehr hinterfragt wird. Der Begriff der Gerechtigkeit wird aus den jeweiligen Kontoständen abgelesen und ist allenfalls noch ein Indiz für den Sozialneid. Der einseitige Verweis auf den Schachercharakter der Politik greift nicht, ohne die Schachermentalität der Massen mit auf dem Zettel zu haben.
Interessant ist es, sich die Entwicklung selbst unter dem Aspekt der langweiligen monetären Materialität anzusehen. Es ist nämlich festzustellen, dass es gar keinen Einfluss auf die wahre Entwicklung der Lebensverhältnisse hat. Die Prosperität einer Volkswirtschaft hängt ab vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte, den verfügbaren Ressourcen, den Anteilen an Märkten und der Qualität und Befindlichkeit der sie treibenden Menschen. Vor allem letztere lassen eine positive Prognose auf die Perspektiven in der Zukunft zu. Eine auf Weltfremdheit beruhende Psychologie der Verteilung und eine tradierte Erwartung einer korrumpierenden Ausgabenpolitik sind nicht dazu geeignet, Probleme zu lösen und Neues zu wagen.
