Wir erinnern uns: Am 4. November 2008 wurde Barack Hussein Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Im Januar 2009 folgte die Inauguration. Die Erwartungen an diesen neuen, ersten afro-amerikanischen Präsidenten waren extrem hoch. Zum einen, weil Obama selbst Ziele formuliert hatte, die ehrgeiziger kaum sein konnten. Zum anderen, weil die Erwartungshaltung der Bevölkerung nach dem Desaster der Regierungszeit George W. Bushs nicht höher sein konnte. Der Zustand der USA war in wirtschaftlicher, sozialer, geo-politischer und moralischer Hinsicht schlimm.
Die großen Ziele, die Obama ins Visier genommen hatte, lassen sich wie folgt klassifizieren: Eine Neudefinition und Neupositionierung der USA in der Welt, eine Revision der überalterten Wachstumsideologie auf Kosten der Ökologie, der wirtschaftliche Wiederaufbau des Landes nach den Schlägen der Weltfinanzkrise und die Einführung einer für jeden Amerikaner bezahlbaren und erreichbaren Krankenversicherung. Letzteres lieferte innenpolitisch den größten Zündstoff, für Europäer eher unverständlich, entzündet sich in den USA an der Frage einer Versicherungsobligatorik doch ein Streit, wie er nur in einer Siedlergesellschaft entstehen kann.
Schon in der Wahlnacht konnte man eine Trennlinie zwischen den Amerikanern und z.B. den Deutschen erkennen: Während die befragten Amerikaner signalisierten, sie würden alles tun, um diesen neuen Präsidenten zu unterstützen, gab man in Deutschland bekannt, man werde sich einmal in Ruhe anschauen, was aus den hochgesteckten Zielen würde. Damit verriet sich ein Politikverständnis diesseits des Atlantiks, das die Initiative verloren hat und in einer lediglich rezeptiven Haltung resigniert. Während die Obama-Administration in dem laufenden Jahr zielstrebig die großen Projekte anging, debattierte man hier deren Leistungen beständig herunter. Dabei vernahm man nicht den Klassenkampf, der in den USA tobte und sogar in dem einen oder anderen Fall auf Leben und Tod ging. Die Drohgebärden der alten, weißen und angelsächsisch geprägten Eliten haben den neuen Präsidenten nicht geschreckt und ihn anscheinend noch eher beflügelt.
Nach knapp einem Jahr kann man feststellen, dass die Diskussion um eine neue Disposition der Verantwortung in globalen Rahmen von Obama initiiert wurde und in vollem Gang ist. Eine Initiative zum allgemeinen Abbau von Atomwaffen ist gestartet und aus Russland kommen sehr positive Signale. Wenn auch nicht erfolgreich, so hat sich der neue Präsident dennoch für weit gehende Positionen auf dem Weltklimagipfel engagiert, was von den Vorgängern nicht behauptet werden kann. Und letztendlich ist eine Gesundheitsreform politisch durchgesetzt, die den Amerikanern die Krankenversicherung ermöglicht, die sie brauchen, ein Novum in der Geschichte der USA.
Wie wäre es denn, sich einmal vorzustellen, die eigene Regierung brächte in nur einem Jahr eine solche Bilanz zustande. Nun sind wir kleiner und längst nicht so bedeutend wie die USA, aber man kann ja mal träumen. Aber wem das Hirn rissig geworden ist durch Abwrackprämien, Panikkäufen von Schweinegrippenpillen und Taschenspielertricks bei der wie auch immer gearteten Wachstumsbeschleunigung, sollte nicht die Bilanzen fremder Erfolgsmodelle bemäkeln.
