Appeasement wie es schlimmer nicht geht

Nach dem wiederholten Attentatsversuch auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard wegen seiner im Jahre 2005 veröffentlichten Bilder, auf denen der Prophet Mohammed mit einer Bombe dargestellt worden war, gibt es in Deutschland keine Reaktion der Öffentlichkeit. Obwohl ein Mitglied der Sturmabteilung des Islamismus mit einer Axt auf den Mann und seine Enkelin losgegangen ist, um sie zu töten, obwohl gegen Westergaard eine Fatwa, eine Aufforderung zur Tötung, verhängt worden ist, schweigen sich hier die Bundeskanzlerin, die Minister, die Gewerkschaften und die Parteien aus. Wenige Journalisten wie Henrik M. Broder machen da eine Ausnahme, aber der Rest ist auf dem Weg einer verhängnisvollen Appeasement-Politik, die der kampflosen Aufgabe der demokratischen Grundrechte gleichkommt.

Diejenigen, die sich bei jeder unpassenden Gelegenheit als Anwälte unterdrückter Minderheiten aufspielen, Hauptsache, jene Minderheiten sind beruhigend weit weg wie bis vor kurzem unbekannte Uiguren, oder natürlich Tibetaner oder neuerdings auch bemitleidenswerte Atollbewohner, jene Anwälte für die Menschenrechte auf dieser Welt sind seltsam still, obwohl der Anschlag nicht nur einer auf Leib und Leben eines europäischen Mitbürgers ist, sondern auch eine faschistoid-fundamentalistische Attacke auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Da bleibt es dann seltsam ruhig in der Berliner Waschmaschine und irgendwie kommt die wertegesteuerte Politik plötzlich ins Schleudern.

Das Recht eines Karikaturisten, Menschen und Institutionen zu überzeichnen, um zum Nachdenken anzuregen, jenes Recht, das durch seinen tausendfachen Gebrauch gegen die Mächtigen, gegen den Staat und seine Organe, gegen die Kirchen und die Reichen, jenes Recht hat zur Einübung der Demokratie mehr beigetragen als alle pädagogischen Leitsätze und jenes Recht soll plötzlich nicht mehr gelten, aus der intrinsischen Logik der fundamentalistischen Sturmabteilungen, weil es die Gefühle anderer verletzen könne. Das ist so absurd, dass es weh tut, denn erstens ist es die Robustheit des Individuums, die die Demokratie erst ermöglicht und zweitens sollten wir alles daran setzten, um zu verhindern, dass Menschen aus unserer Mitte, deren Gefühle verletzt werden, derartig durch die Maschen der Zivilisation fallen, dass sie sich den Rucksack voller Sprengstoff packen und als natürlichste Reaktion von der Welt unzählige unschuldige Menschen in den Tod reißen. Wer so enthemmt ist, kommt aus der Barbarei und sollte sich warm anziehen, wenn er in die zivilisierten Regionen dieser Welt kommt.

Aber anscheinend haben sich die Zeiten gehörig geändert, denn was bei der Verhängung der – bis heute nicht aufgehobenen – Fatwa gegen Salman Rushdie noch zu einem Aufschrei geführt hat, wird heute mit einem Verlegenheitsräuspern übergangen. Das sieht höchstens noch aus wie der diskrete Charme der Entdemokratisierten und etwas anderes kann es auch kaum sein, denn eine Politik des Appeasement kann weder die Barbarei verhindern noch sie überwinden, ob München 1938 oder Berlin 2010.