Erneuerbare Gesellschaften

Die mittlerweile kollektiv gebrauchte Formulierung erneuerbarer Energien regt zum Weiterdenken an. Wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie sich die Nutzung von Energie in einem sozialen und ökologischen Kontext rationalisieren lässt, warum gehen wir in der Diskussion nicht weiter. Gesellschaften sind schließlich, was die Konzentration von humaner Energie anbetrifft, die höchste Form dessen, was mit unserer Existenzform zusammenhängt. Das bereits in der Systemtheorie etablierte Begriffspaar von Allopoiesis, den Systemen, die sich durch Ressourcenverbrauch verschwenden und Autopoiesis, Konzepten, die auf Regeneration und Erneuerung basieren, könnte dabei helfen.

Betrachten wir nun unsere Gesellschaft, so fällt nicht nur auf, dass sie seit dem Ende des II. Weltkrieges auf das Paradigma des allopoietischen Wachstums baut. Kapitalakkumulation, Produktionsausdehnung, Erschließung neuer Märkte, Kapitalvernichtung und wieder Warenproduktion sind die ökonomischen Begrifflichkeiten, nach denen die Ausrichtung erfolgt. Das unterscheidet Deutschland zwar nicht von den meisten komplex industrialisierten Gesellschaften, hilft durch diesen Sachverhalt aber auch nicht weiter.

Eine Gesellschaft, die sich allerdings eine neue Denkweise erarbeiten will, kann sich nicht aus der Substanz der Retrospektive ernähren. Das bekannte Bild, auf dem wir mit hohem Tempo in die Zukunft fahren und dabei in den Rückspiegel schauen, beschreibt wahrscheinlich sehr gut die Richtung und die zu befürchtenden Zwischenfälle. Ein Umdenken bezüglich der Gesellschaft als einer erneuerbaren, die ihre sozialen Energien neu disponiert, ist ohne die Zufuhr neuartiger kultureller und sozialer Substanzen nicht mehr vorstellbar.

Genau das, was in der expansionistischen Marktphilosophie als Protektionismus oder Abschottung gemaßregelt wird, tritt mit der ethnisch-kulturellen Textur des XX. Jahrhunderts zu Tage. Wenn man die Mammutaufgabe eines globalen Immundesigns ernst nimmt, stellt sich die Frage, wie ohne die Reproduktion der globalen Diversität in der eigenen Gesellschaft eine Modellierung der Werte und des Habitus gelingen soll, die vonnöten sind, um der real-globalen Welt die Impulse zu geben, die Erfolg versprechen.

Das Erneuerbare einer Gesellschaft in unserer Zeit entsteht durch die Permissivität alter, puristischer Nationalstaatlichkeit für die soziale und kulturelle Heterogenität der Weltgesellschaft. Integration ist ein ebenso untauglicher Begriff wie Einwanderung. Die DNS dieser neu gestalteten Gesellschaft muss die Erbinformationen erhalten, die das Erneuerte prädestinieren und darf nicht mehr das mitschleppen, was Toleranz und Intelligenz ausschließt. Die Erbinformationen einer erneuerbaren Gesellschaft speisen sich aus den schlechten Erfahrungen der eindimensionalen Vernichtung ebenso wie aus den Potenzialen des Pittoresken. Die autopoietische, erneuerbare Gesellschaft wird eine bunte sein.