Archiv für den Monat Dezember 2009

Champagnerlaune im Wüstenwind

Mit Dubai geht einer der ersten auf Ölressourcen basierenden Sklavenhaltergesellschaft das Geld aus. Zahlungsunfähig seien sie, so reklamieren die Regisseure einer der trügerischsten Finanz Fata Morganas der letzten Jahre. Allzu sehr konnten sie blenden mit ihren der Form des Palmbaums nachempfundenen Luxusanlagen, die auf Sand ins Meer gebaut wurden. Ein Trug und ein Ansinnen, dass selbst Allah in hohem Maße betrübt hätte, konnte die Börsenzocker in der westlichen Welt jedoch nicht davon abhalten, den prosperierenden Mittelstand und die neureichen Parvenüs dazu zu verleiten, ihre Pfunde, Dollars und Euros in eine stil überbordende Plastikwelt zu werfen, die nun droht, geräuschlos und ohne welthistorisches Pathos auf den Grund des Meeres zurück zu kehren und selbst von den Haien verschmäht zu werden.

Dubai, dieses auf einer Monokultur bei den Ressourcen wie der Herrscherclique basierende Phänomen, diese nur von der Fassade her moderne Gesellschaft, deren einzige Produktivkraft Sklaven aus Asien und Afrika waren, die unter unwürdigen und entsetzlichen Bedingungen den Müßiggängern aus den Öldynastien die Welt am Laufen hielten, dieses Dubai nun glaubte, die Welt der Börse in die Wüste holen zu können. Doch die Börse, in der es um die Bewertung von Realem und seinen Entwicklungschancen geht, kam so wenig, wie es dort Reales und Zukunftsträchtiges gibt. Was den Verlockungen der Spekulation folgte, war genauso unseriös und windig, wie das, was als Magnet fungieren sollte. Die Krone der flimmernden Illusion, eine Holding namens Dubai World, meldete nach dem Ausbleiben weiterer Gelder von in der Hochspekulation gescheiterten Zockern eine Zahlungsunfähigkeit in der Dimension von 40 Milliarden US Dollar an, was prompt auf den internationalen Finanzmärkten zu erneuten Erschütterungen geführt hat.

Wie schon in der Vergangenheit fielen leider die britischen Broker durch eine sehr starke Verflechtung in den Gewächsen der unseriösen Hochspekulation auf. Allein die Royal Bank of Scotland schlug mit Außenständen von 2 Milliarden US Dollar auf den harten Grund der Küstenfelsen auf, gefolgt von der HSBC, Standard Chartered und Lloyds, sodass allein in Großbritannien ein Verlust von ca. fünf Milliarden US Dollar zu Buche schlugen. Die Höhe des Schadens, der über die Vermittlung der Londoner Börse entstand, mag wie ein Fiebermesser dafür gelten, inwieweit der berühmte angelsächsische Realitätssinn und Pragmatismus aus der Welt gedrängt wurde, von verführerischen Namen wie Dubai World oder ihrem Immobilienderivat, Limitless World.

Was den stets zur Rechenerotik neigenden Briten zum Schaden gereichte, reiht sich ein in das Bild einer derzeitig global existierenden jeunesse monetaire, die sich orientiert an Illusion und Versprechen, und nicht an Arbeit und Wert. Dabei geht sie Liaisons ein, die doch arg an Hofmannsthals Tod im Jedermann erinnern:

Wie, hat dich Narren wollen bedünken
Das Erdengut und dies dein Leben
Wäre dir alles zu eigen gegeben?

Architektonischer Konfessionalismus

Das Ergebnis des Volksentscheides in der Schweiz, welches einen weiteren Bau von Moscheen in der Alpenrepublik verbietet, dokumentiert eine dramatische Veränderung im Selbstbewusstsein der dortigen Demokratie. Die in den anderen Demokratien der westlichen Welt vernehmbaren Reaktionen beruhigen ebenso wenig. Das Diktum mit legislativer Nachwirkung äußert den Wunsch, die eigene Identität nicht durch die Invasion einer fremden Religionen zu gefährden. Die Frage, die sich allerdings stellt, ist die nach der Definition einer Demokratie, die durch das Verbot der Gebäude, in denen eine andere Religion ausgeübt werden soll, ein Zeichen setzen will für die religiöse Identität und Tradition des eigenen Landes.

Die historischen Wurzeln der demokratischen Idee liegen in Zentraleuropa und sind abgeleitet aus einer im Mittelalter beginnenden und durch die Reformation vollzogenen Modernisierung der christlichen Religion. Das paternalistische Weltbild der alten katholischen Welt wurde durch den Protestantismus und besonders den Schweizer Calvinismus abgelöst vermittels einer Leistungsethik, die bis in den modernen Existentialismus hereinreicht und die geistige Grundlage für die Aufklärung wie den Kapitalismus schuf. Die Selbstverantwortung des Individuums vor sich, vor Gott und der Gemeinschaft ist der Nährboden für die Individualisierung des Menschen und das Postulat des Gemeinwohls die Grundlage für den Solidargedanken der modernen Gesellschaften. Die durch die Französische Revolution vollzogene rechtliche Fundamentierung der Demokratie wiederum war das Extrakt der Aufklärung, die ihrerseits durch die Vergesellschaftung von Freiheit und Toleranz bestach. Alles, was die westlichen Demokratien in den letzten 200 Jahren weltweit attraktiv machte, entstammt aus dieser geisteshistorischen Entwicklung und die Stärke der Demokratie bestand und besteht in ihrer Fähigkeit, mit ihren diskursiv nutzbaren Prinzipien sich in der Auseinandersetzung mit anderen kulturellen, religiösen und politischen Strömungen zu behaupten und in diesem Diskurs sich selbst zu modernisieren.

Die politische Debatte in der Schweiz geht um gefühlte Überfremdung, um wachsende Xenophobie und um eine diffuse Zuschreibung des weltweiten Terrorismus an die Religion des Islam. Die Argumente, die in dieser Diskussion eine Rolle gespielt haben, waren genährt von diesen Unklarheiten und speisten sich zudem aus Vergleichen mit islamisch dominierten Ländern, in denen die Toleranz gegenüber den Christen vermisst wird. Obwohl letzteres stimmt, kann es für eine Demokratie allerdings nicht das Maß der Reaktion sein. Sich gegenüber der islamischen Religion wie arabische Schurkenstaaten gegenüber den Christen zu verhalten, hieße, die europäische Geschichte in die Zeit der Vor-Aufklärung, oder besser gesagt, der Reconquista zurück zu versetzen, in der die spanische Krone eine aufgeklärte islamische Hochkultur in Andalusien zerschlug.

Die Entwicklungen in Europa und den USA mit einem Anwachsen des islamischen Teils der Kernbevölkerung ist ein Ergebnis der Globalisierung, das nicht durch Bauverordnungen und exklusiv ordnungspolitische Entscheidungen aufgenommen werden sollte. Freiheit und Recht sind Dimensionen, die über Islam wie Christentum stehen.