Archiv für den Monat Dezember 2009

Ist Pornographie ein kulturelles Gut?

Als Claude Levi-Strauss sein Buch mit dem Titel Traurige Tropen veröffentlichte, hatte er genügend Feldexperimente hinter sich, um zu der Auffassung gelangt zu sein, dass die Tropen zwar ein nachhaltiges Gefühl der Trauer zu vermitteln imstande sind, dass sie aber andererseits auch dazu neigen, den kantigen Ernst der gemäßigten Klimazonen mit dem wirren Ornat einer Schlingpflanze umwuchern zu lassen. Die Tropen, so könnte man sagen, sind eigentlich Paradies und Untergang in einem, sie treiben alles Lebensfähige in die Höhe und lassen es in voller Blüte durch den giftigen Arm des Todes wieder pflücken. Wohl dem, der dort seine Sinne beisammen halten kann und nicht bei der einen oder anderen existentiellen Frage das Reale unter den Füßen verliert und ins Straucheln gerät.

Brasiliens Präsident, der ehemalige Gewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva, im Volke beliebt wie nie, entstammt der Partido de los Trabajadores (PT), die nicht nur ein sozialistisches Weltbild pflegt, sondern in vielerlei Hinsicht auch schon zusammen mit dem aus ihren eigenen Reihen stammenden Präsidenten Ideen und Programme entwickelt hat, die wirklich vorbildlich sind. Man denke nur an Lulas Initiative, den arbeitslosen Eltern in den Favelas Unterstützung zu gewähren, die ihre Kinder in die Schule schicken.

Jene Partido de los Trabajadores also hat nun durch eine erneute Initiative die Frage aufgeworfen, inwieweit die Tropen doch einen gewissen Einfluss auf die Gestaltung der politischen Prozesse haben. Die Initiatoren gingen zunächst von der vernünftigen Annahme aus, dass der Mensch von Grund auf ein kulturelles Wesen ist. Bei der Berechnung eines Unterstützungssatzes für Geringverdiener wurde nämlich folgendes vorgeschlagen: Ein Arbeiter, der weniger als 1500 Reales (ca. 800 Euro) verdient, hat bei dem bestehenden Preisniveau keine Möglichkeiten mehr, am kulturellen Leben aktiv teilzunehmen. Daher forderte sie von der Regierung, solchen Menschen einen Kulturgutschein von 50 reales (ca. 18 Euro) zukommen zu lassen, damit diese nicht vom kulturellen Leben ausgeschlossen bleiben.

Bis dahin ist das alles eine löbliche Angelegenheit und man wünschte sich sogar, dass etwas von dem Ideereichtum der brasilianischen Sozialisten auch Einzug in unsere kalten Korridore der Politik fänden, gäbe es da nicht ein kleines, wahrscheinlich den Tropen entspringendes Spezifikum: Das, was ursprünglich den Kauf einer Theater-, Konzert-, Kinokarte oder eines Buches ermöglichen sollte, droht an der zum Teil wenig entwickelten Infrastruktur des Landes zu scheitern. In Millionen brasilianischer Dörfer gibt es weder Theater noch Konzertsäle, weder Kinos noch Buchhandlungen. Was jedoch fast überall vorhanden ist sind Kioske, an denen Zeitschriften verkauft werden.

Und eben um jene Zeitschriften geht es, die zum großen Teil, wenn sie nicht gerade vom Fußball berichten, pornographischen Charakters sind. Sind auch die Kioskpornos ein Kulturgut, für die es 50 Reales monatliche staatliche Unterstützung gibt? Die Debatte hat das Land entzweit und wird hitzigst im Parlament geführt. Nun wartet alles auf die weise Entscheidung des Präsidenten, den sie alle nur Lula nennen, und ihm wird bestimmt wieder etwas Gutes einfallen, denn sonst hätte er nicht noch 83 Prozent Zuspruch für seine Politik. Und das gegen Ende der 2. Wahlperiode!

Proteste gegen den Mackie Messer von Rom

Oskar Maria Graf hatte es einmal in einem Aufsatz über das Genre des Romans so erklärt: Das Publikum delektiert sich in der Fiktion an Charakteren, die über die Grenzen der Sittsamkeit hinaus agieren, die verwerflich sind und die das Ungedachte einfach in die Tat umsetzen. Deshalb sind die Mackie Messers in der Literatur so beliebte Figuren. Und je größer der Wunsch, sich mit derartigen Figuren zu unterhalten, desto größer die Pietät im realen Leben, d.h. desto rigider und frigider geht es im Alltag zu.

Wir leben nicht in dem Zeitalter, in dem der klassische europäische Roman das Medium wäre, aus dem heraus noch Politikentwürfe entstünden. Ersetzt wurde er durch den Film, welcher zunehmend als Blaupause für den Transfer von Fiktion in Realität gilt. Besonders die USA als Heimstätte der Traumfabrik par excellence hat es bereits mit einem Präsidenten und aktuell einem Gouverneur vorexerziert, wie der Wechsel von der Schauspielerei in die Politik funktioniert.

Das Medium Italiens für dieses Transferskript scheint der Mafia-Schinken zu sein, und die Figur, die bis zu einem gewissen Grade einer solchen Soap gerecht würde, war Silvio Berlusconi, der alles in sich vereinte, was ein Soap-Konzept sich nicht in einer Figur zu vereinen gewagt hätte: Korruption, Kollusion, Nepotismus, Rassismus, Machismus und vieles mehr, was in die Ideengeschichte und Verhaltenstypologie der vor-modernen Epochen gehört. Die anfängliche Koketterie des Italo-Patriarchalismus im eigenen Lande mit dem archaischen Gestus ist längst gewichen einem Überdruss, weil in einer der Wiegen der europäischen Zivilisationen doch mehr Substanz zu finden ist als anderswo.

Dennoch, die Scham ob der immer peinlicher werdenden Ereignisse um den Präsidenten ging von den Millionen Exilitalienern aus, die via Internet in der ganzen Welt Proteste gegen den Mackie Messer aus Rom organisierten. Sie appellierten damit an den echten, tiefen, demokratischen Patriotismus ihrer Landsleute in der ganzen Welt, die ihr Land mit der römischen Antike, der Oper, dem Fußball und der Küche und der Liebe schlechthin identifizieren, in der für unzivilisierte Ragazzi vom Schlage Berlusconis auf Dauer eben doch kein Platz ist.

Und das Internet tat seine Dienste, ähnlich wie beim Sturz Soehartos im indonesischen Jakarta oder einige Jahre später beim Ende Estradas auf den Philippinen organisierten sich weit über eine Millionen Menschen zu Demonstrationen gegen den italienischen Präsidenten. In Rom waren es 350.000 Menschen, die in einem wahren Volksfest den Machtrausch des Unberechenbaren anprangerten. Doch die internationale italienische Gemeinschaft ist groß, sodass ebenfalls in Berlin, Sydney, London, Barcelona, Amsterdam, Dublin, Paris, Wien, San Francisco, Montreal, Buenos Aires und Madrid mit vereinten Kräften demonstriert wurde. Fast könnte man sagen, das moderne Römische Imperium, die globalen Netzwerke des Exils, hätten sich vereint, um das Ansehen ihres Labels von der Aura eines Botox-Duces, der in den Escort-Agenturen seinen eigenen Propagandasendern Interviews gibt, in denen er die Verfassung diffamiert, wieder herzustellen. Gerade Im Mutterland des Genres gehört die Oper an einen Ort, wo das Ambiente stimmt.

Der humane Mikrokosmos Mississippi

William Faulkner: Die Freistatt

Die Werke des Literaturnobelpreisträgers von 1949 William Faulkner gehören derzeit zwar nicht zur zeitgenössischen Massenlektüre. Das mag zum einen an einem Stil liegen, dessen Friktion zwischen traditioneller Epik und einer Cameras Eye-
Perspektive, untermalt von grenzüberschreitender Metaphorik, dem Leser einiges abverlangt. Zum anderen passt es nicht in das gegenwärtige Weltbild, Mikrokosmen zu schaffen, die irgendwo im Bundesstaat Mississippi liegen und deren Design dazu zwingt, sich mit den Universalthemen der menschlichen Verwerfung zu beschäftigen. Der 1931 erschienene Roman Die Freistatt löst das Beschriebene in jeder Hinsicht ein.

Der Roman spielt zur Zeit der Prohibition in dem von Faulkner in vielen seiner Romane nach einem alten Indianernamen benannten County Yoknapatawpha im Staate Mississippi. Ein schnittiger, aber dem Alkohol verfallener Junge holt mit seinem Sportwagen eine schulschwänzende Freundin ab. Mit ihr will er noch kurz bei einer illegalen Schnapsbrennerei vorbei fahren, um sich etwas Spirit zu besorgen. Kurz vor dem Bauernhof überschlägt sich der Wagen, den beiden ist nichts passiert, aber sie sitzen dort fest und befinden sich in der Gesellschaft dunkler Männergestalten, die zum einen dem Jungen reichlich Alkohol zu trinken geben, sodass dieser handlungsunfähig wird und die um die junge Frau schleichen, um sich an ihr zu vergehen. Spannungsgeladen verstreicht die Zeit auf diesem Gehöft, bis das Unweigerliche geschieht. Und nicht nur das, sondern einer der Männer, der die junge Frau noch beschützen will, wird durch einen anderen getötet. Die junge Frau wird von einem der Täter in ein Bordell nach Memphis entführt, wo sie quasi Asyl erhält, während ein anderer verhaftet wird. Ein Anwalt glaubt, dass die Schuld nicht bei diesem liegt, hat aber in dem Verfahren keine Chance, weil die Verurteilung mit der Zeugenaussage des plötzlich von der Staatsanwaltschaft aus dem Bordell herbeigeschafften Mädchens, dessen Vater ein angesehener Richter ist, sicher ist. In der Nacht vor der Urteilsvollstreckung wird der vermeintliche Delinquent von einem Mob verbrannt, während der Entführer seinerseits an einem anderen Ort wegen eines Mordes verhaftet wird, den er nicht begangen haben kann.

Komplexität wie Kompliziertheit der Handlung stellen eine starke Herausforderung dar, ebenso wie die Kunst, Details, die scheinbar unerheblich sind, aber eine große metaphorische Bedeutung haben, sehr akribisch zu beschreiben, und auf der anderen Seite Schlüsselszenen wiederum nur anzudeuten. Faulkner braucht keine abschreckenden, blutrünstigen Szenen, um die Verwerfungen der menschlichen Kreatur in seinen Texten zum Vorschein zu bringen. In Mississippi wie auf der ganzen Welt existieren keine Gestalten mit einer weißen Weste, alle sind befleckt und von tiefer Schuld geprägt. Desto revolutionärer mutet es an, dass er selbst in den dunklen, bösen Gestalten verblüffende Anlagen zum Guten freilegt. Das macht die Lektüre nicht einfach, aber sie hilft, sich einen kraftraubenden Glauben an die Menschheit zu erhalten.