Archiv für den Monat Dezember 2009

Der tödliche Stachel des Perfektionismus

Thomas Bernhard: Der Untergeher

Als sich Ende der fünfziger Jahre drei angehende Klaviervirtuosen bei dem bekannten Lehrer Horowitz am Salzburger Mozarteum zu einem Sommerkurs einschreiben, beginnt ein ruinöser Verlauf. Neben dem Ich-Erzähler, der bereits auf beachtliche Erfolge in dieser Zunft zurückblickt und seinem österreichischen Kollegen Wertheimer, der als Stern am Himmel der Klavierkunst gehandelt wird, taucht auch der amerikanisch-kanadische Virtuose Glenn Gould auf. Die drei befreunden sich, doch als die beiden zum ersten Mal Glenn Gould die Goldbergvariationen spielen hören, sind sie am Erdboden zerstört. Schlagartig wird ihnen bewusst, dass sie diese Perfektion und Klasse nie werden erreichen können. Schon bei der ersten Begegnung nennt Goldberg den aus einem reichen Hause stammenden und bis daher erfolgreichen Wertheimer einen Untergeher. Diese Bezeichnung ist das sich realisierende Omen für dessen weiteren Lebensweg.

Die Beziehung der drei bleibt bestehen und kommt ohne Gehässigkeiten aus, weil die Perfektion Goldbergs keinen Raum für kleinliche Ranküne lässt. Die beiden besuchen Goldberg noch in New York, als dieser bereits beschlossen hatte, nie wieder vor Publikum zu spielen und in einem abgelegenen Haus nur noch für sich selbst an der wahren Perfektion arbeitete. Intuitiv prognostizieren die beiden Freunde ihm das frühe Ende und so sind sie nicht erstaunt, als sie zurück in Österreich die Nachricht erreicht, dass der große Glenn Gold allein in seinem einsamen Haus mit 51 Jahren tot über seinem Steinway Flügel zusammen gebrochen ist.

Während der Ich-Erzähler bereits kurz nach der Zeit im Mozarteum das Klavierspielen aufgegeben hat, um sich dem Schreiben zu widmen, löst sich Wertheimer nur halbherzig, versucht sich aber auch in den Geisteswissenschaften und begibt sich in die unbefriedigende Sphäre des Dilettantentums, die ihn im Laufe der Jahre tödlich verzehrt. Frustriert, isoliert und desorientiert nimmt sich Wertheimer eineinhalb Jahrzehnte nach seiner Erkenntnis, das Maß Glenn Goulds nie erreichen zu können, in der Schweiz, wenige Meter vor dem Haus seiner Schwester, die vor seinem Despotismus geflüchtet ist, das Leben. Der Ich-Erzähler erscheint aus seinem neuen Wohnort Madrid, wo er in weitgehender Anonymität lebt, zu der tristen Beerdigung, die als Endpunkt eines langen Zerrüttungsprozesses zu werten ist.

Thomas Bernhard veröffentlichte 1983 diesen Roman, der als ein Affront gegen die Verselbständigung der technischen Virtuosität zu lesen ist. In einer Textur, die vom ersten bis zum letzten Buchstaben durch keine Absätze unterbrochen wird und durch einen Stil, der die neurasthenische Hatz nach einem nie erreichbaren Finale symbolisiert, gelang es Bernhard, die psychogene Eigendynamik des Prozesses der technischen Vollendung von seiner ruinösen Seite zu beleuchten. Die Kunst geht dabei ihres Sinnes verlustig und zerstört die Individuen, ob ihnen das Höchste gelingt oder nicht.

Globalisierung und ptolemäisches Weltbild

Als im Jahr 2004 Thomas L. Friedmans Buch The World is Flat: The Globalized World in the 21st Century erschien, lasen es viele Europäer mit der ihnen eigenen Distanz, weil Friedman vor allem mit Phänomenen einstieg, die die USA betrafen. Er schilderte Dinge, die irgendwie futuristisch und absurd, ja vielleicht auch typisch amerikanisch verrückt klangen. Da war die Rede von Tischreservierungen in Restaurants des amerikanischen Mittelwestens, die über Call Center in Bombay vorgenommen wurden und von zweitärztlichen Gutachten in kalifornischen Kliniken, die über Nacht via Datenübertragung aus Bangalore kamen. Viele sagten vor fünf Jahren, dass es unwahrscheinlich sei, hier mit gleichen Entwicklungen rechnen zu müssen. Wie so oft wurde das Prototypische der USA für den Weltkapitalismus unterschätzt und heute, nach nur fünf Jahren, melden sich die Berichte, wie sehr die Globalisierung bei der Koordination von Leistungsprozessen auch hier in Europa und Deutschland Einzug genommen hat.

Friedmans These, die von unzähligen Beispielen untermauert wurde, besagte zum einen, dass es kaum noch etwas gab, was als amerikanisch galt, das nicht zu großen Anteilen ganz woanders in der Welt entstanden war. Von dieser Feststellung beleuchtete er zum anderen die Tatsache, dass die Welt flach, das heißt in hohem Maße verbunden war, was zu einem vom Wertgesetz gesteuerten Synergieprozess führte und führt. Aus diesen beschriebenen Synergieprozessen wiederum hat sich eine globale Arbeitsteilung etabliert, die im Groben beschrieben werden kann als dass China die Fabrik und Indien zum Büro der Welt geworden sind. Immer komplexere Produktionsprozesse wandern nach China, das mit einer einzigartigen Dynamik und Liquidität die nötigen Produktionsbedingungen schafft, die erforderlich sind, um die Nachfrage auch in den alten Zentren des Weltkapitalismus zu bedienen, wie es Indien gelungen ist, durch die Adaption und Beherrschung von Informationstechnologie und vermittels elaborierter Dienstleistungen die Nachfrage nach qualitativ hoch stehendem Service bis hin in den Wissenschaftsbetrieb zu gewährleisten.

Die im Rekurs oft gebräuchlichen Verweise, die Qualität dieser neuen Zentren ließe nicht selten zu wünschen übrig, kann das Faktum nicht negieren, dass Produktion und Service tendenziell für den traditionellen Westen verloren gehen werden. Da wird das reine Lamento nicht zur Lösung beitragen. Die Frage, die sich vielmehr stellt, ist die nach dem, was an strategischen Weltleistungen in unseren Regionen bleibt. Und bei genauerer Betrachtung wird die Verhandlungsmasse kleiner, solange die Position eines antiken und starren ptolemäischen Weltbildes vertreten wird, das das eigene Land als das Zentrum der Welt begreift und die politischen Handlungen daraus ableitet. Wenn es weder Produktion noch Dienstleistung ist, dann kann es nur noch Kultur, Wissenschaft, Innovation und allenfalls die Logistik sein. Angesichts der rigiden ptolemäischen Strategien verkommen aber gerade diese Potenziale, wofür die Bildung das beredteste Beispiel ist. Stattdessen werden den Millionen und Abermillionen armen Teufeln, die ihre Perspektive schon längst in dieser Form verloren haben, Illusionen in den Kopf gesetzt, wie man sie vor etwas schützen will, das längst schon herrscht. Eine Strategie, die eine gute Prognose auf die Zukunft hat, kann nur dann entstehen, wenn sie sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, so bitter sie auch aufstößt.

Bedingte Reflexe in der Krise

Nun sammeln sie sich, die Finanzexperten aus Politik und Öffentlicher Verwaltung, um sich Gedanken darüber zu machen, wie mit der Finanzkrise umgegangen werden kann. Sicher ist, wie immer, dass es die Städte am schlimmsten treffen wird, dann kommen die Länder und zuletzt der Bund. Oder anders herum formuliert, die Kosten für notwendige Aufgaben werden kaskadenförmig herunter gedrückt, von oben nach unten. Aber es gibt noch andere, wesentlich interessantere Aspekte. Es stellt sich nämlich die Frage, inwieweit mit der Verknappung des Geldes in der öffentlichen Hand grundsätzlich umgegangen werden soll. Auch da existieren angeblich probate Instrumente. Namentlich sind das globale Minderausgaben, Personalkosteneinsparungen und dergleichen. Probat ist an ihnen, dass sie seit Jahrzehnten angewendet werden und Politik um kein Stück besser gemacht haben. Insofern stellen sie eine Routine der Einfallslosigkeit dar in einem verschärften Kampf um die knapper werdenden Ressourcen. Es ist leicht, das Budget der jeweiligen Konkurrenz zu skandalisieren, um selber noch im Geschäft zu bleiben. Aber politisch, d.h. im Sinne einer konstruktiven Gestaltung, kommt es einem Offenbarungseid gleich, den Status Quo zu beschneiden, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Gegenwärtig, so bleibt leider zu konstatieren, ist jedoch der politische Offenbarungseid eine Massenerscheinung. Der eigentliche Skandal ist, dass das Resultat von Politik nicht bewertet wird.

Der Mensch und die Gesellschaften, in die er eingewoben ist, sind keine ahistorischen Formationen. Ganz im Gegenteil, das Wesen der Geschichte besteht darin, dass sie vorwärts streben, dass in den Köpfen und kollektiven Vorstellungswelten Ideen darüber existieren, wie die Welt von morgen, in denen die Menschen leben wollen, aussieht, vor allem im Vergleich zur heutigen. Der Status Quo als Vorstellungsgipfel der menschlichen Existenz bedeutete dagegen den Eintritt in die Geschichtslosigkeit, oder, anders mit den Worten eines Dialektikers ausgedrückt: Die Grundform allen Daseins ist die Bewegung.

Es wird deutlich, was wir von den Paketen zu halten haben, die da momentan unter dem Deckmantel des Realismus oder des Pragmatismus geschnürt werden. Sofern es sich tatsächlich um strategielose Programme handelt, d.h. sofern sie keine Überlegung darüber beinhalten, wie etwas in der Zukunft anders gemacht, gesteuert und gestaltet werden soll, wie sich die beteiligten Menschen entwickeln und besser befähigen müssen, um das auch vollbringen zu können, sofern das alles nicht gegeben ist, handelt es sich um ein Besteck, das den Eintritt in die Geschichtslosigkeit beschleunigen wird.

Die Gesellschaften dieser Welt haben sich schon immer ungleichmäßig entwickelt, manche hungrig, voller Ideen, dynamisch, mit dem Blick nach vorn, andere auf das Jetzt bezogen, satt, phantasielos und phlegmatisch. Das Wesen des existenziellen Phlegmas sehen wir hierzulande als den Normalzustand, was schon die eine oder andere depressive Stimmung aufkommen lassen kann. Aber wir sollten uns davon nicht beeindrucken lassen, denn, wir wissen, wer standhalten will, darf nicht verharren in leerem Entsetzen.