Archiv für den Monat Dezember 2009

Kopenhagen und das globale Immundesign

Die Bewertungen der Ergebnisse des Weltklimagipfels in Kopenhagen sind unterschiedlich. Während die tatsächlichen Großmächte wie die USA und China von einer positiven Tendenz sprechen, sind viele der Schwellenländer enttäuscht, vor allem, weil sie sich mehr bezüglich der Transferleistungen aus den wirtschaftlichen Hochzentren erwartet hatten. Die Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel hingegen zeigt sich verärgert, weil die von ihr befürworteten Margen nicht in die Abschlusserklärung mit aufgenommen wurden. Schlimmer noch die Opposition, die den Gipfel hinsichtlich seiner Ergebnisse als Desaster begreift.

In einer Welt, in der zunehmend so genannte Lösungen nur noch auf Gipfeln erzielt werden können und unter allen Umständen als Chefsache deklariert werden müssen, um Beachtung zu finden, sollte daran gedacht werden, dass internationale Konferenzen einen Aushandlungsprozess darstellen, in dem das Gewicht der handelnden Parteien nicht von Routinen des internationalen Protokolls abhängen, sondern von ihrer tatsächlichen Macht im Weltgefüge. Lässt man dieses Faktum außer Acht, wundert die folgende Enttäuschung nicht. Wer in Deutschland glaubt, mit der selbst suggerierten Weltmeisterschaft auf allen möglichen Gebieten tatsächlich ein dominantes Gewicht erreicht zu haben, unterliegt einer Illusion. Neben den USA, die nach wie vor die Hegemonialmacht Nr. 1 darstellen, sind Mächte wie China und Indien hinzugekommen, die Potenziale mitbringen, die jenseits bundesrepublikanischer Einflusssphären liegen. Beide werden nicht mehr auf den Rat von Frau Merkel warten, denn die wirtschaftlichen wie politischen Dependenzen haben sich verschoben.

Die normative Definition von Weltklimazielen, die zweifelsohne erstrebenswert ist, kann nicht abstrahiert werden von einer weltwirtschaftlichen Ordnung, wie sie sich gegenwärtig darstellt. Die vor allem in China applizierten Produktionsweisen sind mit ihren Kostenstrukturen auch darauf abgestellt, die Märkte der alten Zentren zu bedienen, worauf diese wiederum aufgrund der deteriorierenden Einkommensstrukturen angewiesen sind. Von dem in China produzierten Motorroller über variationsbreite Elektronik, Optik, Maschinenbau bis hin zum Akkordeon oder dem Akustikbass sind es die Preise, die den Aufstieg Chinas auf allen Märkten garantieren. Letztere sind für eine Ökonomie wie der der chinesischen jedoch nur zu erzielen, wenn der Faktor billiger Arbeitskräfte mit der einer wenig reglementierten Umweltbelastung und Ressourcenverwertung korrespondiert. Es ist kein Wunder, dass China schon vor langer Zeit die USA gewarnt hat, es könne aufgrund seiner Kapitalvorräte auch den Massenexport einstellen und nur noch den Binnenmarkt bedienen, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Die Reaktion war betretenes Schweigen, denn ohne die chinesischen Billigprodukte wäre ein gravierender Einschnitt im Massenkonsum des Westens sicher. Das will wiederum niemand. So sollte die argumentative Arroganz der Gutmenschen besser dezenteren Überlegungen weichen. Ein globales Immundesign, das für das Überleben auf dem Planeten dringender denn je erforderlich geworden ist, lässt sich mit den überholten Moralschemata nicht bewerkstelligen. Es basiert auf einer neuen, nach eher pragmatischen Gesichtspunkten basierten Weltwirtschaftsordnung und auf den Gräbern alter Lebenslügen des Westens.

Semantischer Brei als Regierungspolitik

Der Begriff der Akzeleration bedeutet Beschleunigung und wurde in den unterschiedlichsten Wissenschaften immer dann gebraucht, wenn sich in der Entwicklungsgeschichte eines zu beschreibenden Zyklus Entscheidendes hinsichtlich der bestimmenden Tempi getan hatte. Ein gutes Beispiel ist die biologische Entwicklung des Menschen selbst. Zunehmend schneller hat er in den letzten Jahrhunderten Entwicklungsphasen durchlaufen, vor allem Dinge wie Pubertät und Adoleszenz traten immer früher ein. Der Begriff der Reife hat zwar von dieser Akzeleration nicht profitiert, aber das steht auf einem anderen Blatt. Die Halbwertzeiten in der technischen Entwicklung wurden ebenso wesentlich kürzer, die Innovationsimpulse zur Kreierung neuer Prototypen kamen schneller. Daher ist die Akzeleration eines der großen Paradigmen in der technischen Welt.

Die Politik pflegt es, sich sprachlich aus den tatsächlich noch existierenden unmittelbaren Erfahrungswelten der Bevölkerung zu bedienen, um vermittels einer bestehenden Kollektivsymbolik die eigenen Vorhaben kommunizieren zu können. Klaus Theweleit hat den Part der Männerphantasien, welche in die Sprache der Politik des Deutschen Reiches und der Weimarer Republik bis heute noch eindrucksvoll beschrieben und analysiert. Die technische Kollektivsymbolik hingegen reicht vom Fesselballon über die Kriegstechnologie bis ins heutige IT-Zeitalter. Gut ist jeweils abzulesen, wie die Politik sich in diesen Gefilden umsieht, um ihre Programme an den Mann zu bringen. Was dabei allerdings selten beachtet wird, ist das Gefühl für die Sprache. Gerade die Sprache hat einen Groove, der manchmal mehr bewirkt als der Inhalt, was die Marketing-Branche in hohem Maße, die Politik aber kaum für sich zu nutzen weiß.

Vom Krankenversicherungskostendämpfungsgesetz bis hin zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz wurden Begrifflichkeiten gezeugt, die als Deutung der Vaterschaft nur Monster zulassen. Doch widmen wir uns der Wachstumsbeschleunigung und sehen uns die Sache genauer an: Akzeleration im wissenschaftlich validen und soliden Sinne findet dann statt, wenn sich entweder die existenziellen Rahmenbedingungen, der eigene Stoffwechsel aufgrund einer andersartigen Energiezufuhr oder das Wesen der Nutung von Grund auf verändern. Die Zufuhr von marginalen Mitteln, wie bei dem Gesetz vorgesehen, in den bestehenden Wirtschaftskreislauf ohne die Nutzung oder die Spielregeln zu ändern wird nicht dazu führen, dass irgendetwas beschleunigt wird. Und schon gar nicht das Wachstum. Vielmehr ist es ein kleines Geschenk zurück an die Wähler, das ihnen schon bald in anderer Form wieder aus der Tasche gezogen wird.

Das Ganze erinnert an die Dramaturgie von Regisseuren, die eigentlich weder eine Botschaft noch eine Geschichte haben, die sie erzählen könnten. Sie stehen auf einer Bühne vor großem Haus und warten zur Enttäuschung des Publikums mit einem Stück auf, das verblüffend dem der Hütchenspieler in der Frankfurter Kaiserstraße ähnelt. Bis auf die Sprache, die regt niemanden zum Mitspielen an.

Aufstieg, Blüte, Dekadenz

Marion Gräfin Dönhoff: Preussen. Maß und Maßlosigkeit

Noch zu Lebzeiten der Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff erschien bereits im Jahr 1987 ein Essay über Preussen, der um eine semantische Gegenüberstellung herum aufgebaut war. Er bezeichnete das Maß als die Garantie für die Blüte Preussens wie die Maßlosigkeit als Ursache für den späteren Niedergang. Nun ist dieser Essay, der mit dem Verweis auf aktuelle politische Bezüge vermarktet wird, erneut in einem illustrierten Luxusbändchen aufgelegt.

Der Essay Gräfin Dönhoffs ist aufgrund der Anlehnung an die Chronologie Preussens eindeutig strukturiert und sehr anschaulich geschrieben. Sie schreibt über die Anfänge einer Provinzialmacht marginaler Bedeutung, die Leistungen des Großen Kurfürsten bei der Rationalisierung des Staatswesens, den aufklärerischen und entscheidenden Impuls Friedrichs des Großen bei der Etablierung Preussens zur Großmacht und die wachsende Sinnentleerung der Großmacht in der Phase des wilhelminischen Niedergangs.

Als Erbin des ostpreussischen Adels sieht die Autorin vor allem die Moral- und Sittenbefindlichkeit des Staates unter Friedrich dem Großen als eine leuchtende Erscheinung, die geprägt ist von Pflicht, Ehre, Disziplin, Selbstgenügsamkeit und Effektivität. Friedrich der Große, der einen gut organisierten Staat von oben führte und von unten dachte, hatte den Horizont, mit einem Voltaire zu korrespondieren und im Alltagsgeschäft der Nutzung der Macht nicht auszuweichen. Letztendlich das Kriterium seiner Faszination bis in die Gegenwart. Das Travailler pur le Roi du Prusse ist für die Autorin das Kernstück einer weitgehend säkularisierten und in die Moderne eintretenden Monarchie, in ihm drückt sich ein hohes Maß an Ehre und ein sehr geringes des persönlichen Wohlstandes aus, was ebenfalls durch die Auszeichnung durch den Orden Pour le Merité unterstrichen wurde. Erst mit der militärischen Dominanz Preussens, die der Niederlage von 1806 folgte und mit dem Sieg über die napoleonische Armee 1815 ihren Hochverlauf bis zum Ende des Jahrhunderts einleitete, kam der Verfall von Sitte und Moral. Die Formalisierung der Macht korrespondierte mit der Erosion der Werte, an deren Ende das Supremat des Status Symbols und die Geringschätzung der Leistung standen. Diese These wird sehr geschickt unterstützt durch die Illustration des Buches, die mit der Kopfbedeckung Friedrich des Großen beginnt, dem aus Filz und einfachen Federn bestehenden Dreispitz und dem überfrachteten, mit einem Adler emporragenden Helm Wilhelms II. endet.

Die Klage Marion Gräfin Dönhoffs über den historischen Verlauf Preussens ist eine Klage über den Gang der Geschichte. Auch Preussen blieb es nicht erspart, wie vorher Rom und Athen, wie nach ihm unzähligen anderen Imperien, die Entwicklungslinie von Aufstieg, Blüte und Dekadenz zu durchlaufen. Die beschriebenen Werte und Verhaltensweisen helfen dabei, das jeweilige Stadium der Entwicklung zu identifizieren. Da gibt es ahistorische Symptome, und auch deshalb ist die Lektüre sehr anregend.