Die Dekonstruktion des kausalen Denkens

Das, was einst im Zuge der Aufklärung die Bannmeile des Obskurantismus und der Phänomenologie durchbrach, ist auf dem absteigenden Ast. Das eigentliche Attribut des vernunftbegabten Wesens, welches das Vermögen ausmacht, die Welt zu erklären, nämlich die antrainierte, elaborierte und durch alle Disziplinen exerzierte Erfassung der Kausalität, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. In allen Fragen, die eine existenzielle Dimension aufweisen, wird die Suche nach der Ursache systematisch und propagandistisch zunehmend ausgegrenzt. Es gleicht einem Tabubruch, wenn in Diskussionen nach den Ursachen für die zu erörternden Wirkungen gefragt wird und nicht selten kann erlebt werden, wie diejenigen, die diese häretische Frage sich noch zu stellen trauen, wie Narren aus einer anderen, überlebten Zeit traktiert werden.

Und es ist nicht unbedingt das böse Werk von Dunkelmännern, die dieses Spiel betreiben. Bei genauem Zuhören wird deutlich, dass das Ansinnen, Phänomene durch die Analyse von Ursachen erklären zu wollen, auf bloßes Unverständnis stößt. Der Eindruck scheint nicht zu täuschen, dass immer mehr Menschen des Informationszeitalters, in dem das Faktenwissen in einer nie gekannten Üppigkeit demokratisiert wurde, nicht mehr in der Lage sind, die Genese der Erscheinungen rekonstruieren zu können. Wir befinden uns zunehmend auf der Oberfläche, die Welt ist bunt und vielfältig, aber die Frage nach dem Warum übersteigt das intellektuelle und analytische Instrumentarium des zeitgenössischen Menschen.

Als Sigmund Freud sein epochales Werk der Psychoanalyse entwickelte, sprach er im Zusammenhang mit der modernen Menschwerdung von dem Phänomen des Prothesengottes. Er beschrieb damit den Zustand der humanen Überhöhung durch die Fähigkeit, sich instrumentell zu ermächtigen, sein Umfeld über seine natürlichen Eigenschaften hinaus beeinflussen zu können. Der Mensch herrschte über die Maschine und bewirkte ungeheure Gestaltungsprozesse, die auf seine Intelligenz im Zusammenhang mit Konstruktionen von Werkzeugen hinwiesen. Dass damit Brüche in der originären psychischen Struktur determiniert waren, steht auf einem anderen Blatt.

Die Entwicklung der Computer und die Explosion der artifiziellen Intelligenz scheinen die Befähigung des Menschen, über seine instrumentellen Appendices zu herrschen, beendet, ja umgekehrt zu haben. Zunehmend fühlen und begreifen sich Menschen bei der Betrachtung ihrer Existenz als Bediener von Computern, als Getriebene und Unterworfene. Das Phänomen der Massenexistenz von durch digitale Maschinerie Unterworfenen führt zu einer neuen Disposition des humanen Denkapparates, der seit dem Beginn der Aufklärung zum ersten Mal seine Vernunft einer systematischen Dekonstruktion unterworfen sieht. In einer Zeit, in der der Positivismus als Wissenschaft und Ideologie der quantitativen Beschreibung von Qualität Triumphe feiert und somit die Armseligkeit der globalen Digitalisierung kaschiert, entsteht eine neue Despotie, die auf der Dekonstruktion von Kausalität und Vernunft basiert. Gesellschaftliche Unterdrückung findet nicht mehr statt, wenn sie keiner mehr begreift oder sie als solche empfindet.