Atmosphärisches

Auch wenn die wabernden Nebel an dem Ort, wo der Neckar in den Rhein mündet am heutigen Morgen es nicht vermuten ließen – die Wende hat bereits vor einigen Tagen eingesetzt. Der Achspunkt ist erreicht und die Tage werden wieder länger, wie die Bauern sagen, jeden Tag um einen Hahnenschrei. Der Weg über die Brücke zum Markt war begleitet von einer seltsamen Ruhe, drüben, in der Innenstadt hatten die Geschäfte noch auf, selbst der Musikladen mit den wunderbaren Blasinstrumenten hatte die Gitter hochgezogen und der Meister mit seiner Lederschürze freundlich gewunken.

Am Geflügelstand, wo der Puter bestellt war, brachte mich der Mann zum Lachen, indem er sagte, wir hier, in unserer Stadt, wir haben das Herz auf der Zunge. In einem Dialekt, der so viel verrät über die die Zeit, die hier verstrichen ist und Zeugnis ablegt von den vielen Strömungen, die hier zusammen gekommen sind. Gleich hinterm Markt, im türkischen Viertel, war geschäftiges Treiben und es roch wie immer, fast wie auf dem geschlossenen Bazar zu Istanbul. Elegante Flaneure begrüßten sich in einer entspannten Stimmung und grüßten freundlich, was der einsetzende Platzregen nicht verhindern konnte.

Auf dem Weg zum Café dann die verlorenen Schritte derer, die kein Ziel mehr haben, mit leeren Blicken, die das Glück verloren haben. Sie wissen, dass sie in diesen Tagen die Einsamkeit so brachial spüren wie nie, wenn sich die Türen schließen und es öde wird auf den Straßen. Im Café selbst die Bruncher, laut, gestikulierend, die Sektgläser schwenkend und die Furcht vor der Stille herunter spülend. Bedienungen aus Südamerika schleppten den gebeizten Lachs und die käsigen Omelettes an die sich biegenden Tische, während draußen, vor dem Fenster, die Bettler sich ein letztes Almosen zu erjagen erhofften.

So wie es scheint, stehen die wenigen, noch von Menschen beherrschten Maschinen zunehmend still. Die Handphones werden leiser, und auf den Mail Accounts lockert sich der Terror der Nichtigkeiten. Jetzt, in den frühen Mittagsstunden drängt sich eine Ruhe in das Dasein, die den Mammon schmäht. Menschen, die sich sonst krawallierend durch die Straßenschluchten schieben, suchen den Blick der anderen, um sich zu vergewissern, dass man ihnen beisteht, wenn sie allein da stehen und sich nach dem Sinn fragen. Wo sie doch wissen, dass sie keine Antwort finden werden. Selbst die Rauesten werden plötzlich wachsweich und betteln mit ihren Pupillen um ein wenig Mitgefühl, weil sie ahnen, dass es das einzige ist, was sie noch retten kann. Es macht sich ein Zustand breit, von dem man hofft, dass er diese Tage überdauern möge, um den Weg dorthin zu finden, wohin sich sonst niemand wagt.

Wieder zuhause, hilft die Musik, diesen seltenen Glücksmoment zu konservieren, hier, bei mir, sind es die Klänge von Charlie Mariano, es war sein letztes Konzert und er wusste, dass bald alles vorbei war. Ihm gelang es, die existenzielle Ruhe in seinen Ton zu bringen. Das Sphärische liegt jenseits der Oberfläche, die nur ablenkt, die Wahrheit verbirgt. Die ruhende Welt ist reich wie nie zuvor.