Das Verschwinden existenzieller Robustheit

Nein, man muss nicht erst Biographien aus dem frühen 20. Jahrhundert lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was es heißt, sich seinen Platz in der Welt erkämpfen zu müssen. Manchmal reichen auch eher triviale Zufälle, um deutlich zu sehen, was in unserer Gesellschaft mit den Individuen passiert. Da fallen dann plötzlich Erscheinungen ins Auge, die sich am prominenten Rande des Weltgeschehens abspielen und dennoch symptomatisch sind für das, was sich bewegt.

Einen solchen Zufall bescherte der Fernsehsender des Westdeutschen Rundfunks in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Anlässlich des 100. Geburtstags von Borussia Dortmund wurde zunächst die Feier aus der Dortmunder Westfallenhalle übertragen, was uninteressant war, um danach mit der Übertragung von als historisch eingestuften Spielen zu beginnen. Als der Autor in diese lange Borussia Dortmund Nacht zappte, begann gerade das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister im Jahre 1997 in München, Dortmund gegen Juventus Turin. Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch wenn es als Schalker immer etwas schwer fällt, Dortmund hat das Spiel nicht nur mit 3:1 gewonnen, sondern insgesamt genial gespielt und sich den Titel verdient. Chapeau!

Aber das war es natürlich nicht, was ins Auge stach. Was einfach am Bildschirm hielt, war die Art und Weise, wie dort Fußball gespielt wurde. Das Spiel war sehr schnell, auf keinen Fall langsamer als das heute so gerühmte Tempo. Außerdem ging es nach heutigen Maßstäben außerordentlich zur Sache. Es wurde sehr hart und mit großem Körpereinsatz gespielt, während die Spieler nicht weniger athletisch als heute, nur anders proportioniert daher kamen. Ich stelle einmal die Behauptung auf, dass beide Teams heute eine gute Chance hätten, wenn sie sich mit Manchester United oder Real Madrid des Jahres 2009 messen müssten. Der große, gravierende Unterschied zu heute war allerdings, dass die dort gezeigte Härte als durchaus fair empfunden wurde, dass niemand theatralisch auf dem Rasen herumwinselte oder gar Karten für den Gegner forderte. Nach heutigen Maßstäben hätten allerdings sieben oder acht Spieler die Rote Karte sehen müssen, denn das, was aktuell als unsportlich angesehen wird, war 1997, also vor 12 Jahren, nicht der Rede wert!

Wenn sich in einer Sportart, die durchaus paradigmatischen Charakter für unsere Gesellschaft hat, sich in einem derartig kurzen Zeitraum die Empfindung gegenüber einem Wert wie Fairness oder die Sichtweise hinsichtlich der Regelauslegung so dramatisch ändert, dann ist es unvermeidlich, die Sicht auch auf die allgemeine Tendenz in der Gesellschaft zu wenden. Und hätten wir es nicht schon gewusst, so sehen wir uns sogleich vergewissert, dass eine Verweichlichung und Larmoyanz um sich gegriffen hat, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten nicht kannten. Die Debatten im Bundestag gleichen einem Kaffeekränzchen früherer Tage, Wirtschaftsorganisationen argumentieren zuweilen wie ein caritatives Genesungswerk, militärische Operationen werden mit zivilen Maßstäben beurteilt und Boxweltmeister machen Werbung für die Milchschnitte.

Übrigens sind fast alle Werke Charles Darwins anlässlich seines 200. Geburtstages wieder aufgelegt und als Lektüre für die Weihnachtstage eindringlich empfohlen!