Kopenhagen und das globale Immundesign

Die Bewertungen der Ergebnisse des Weltklimagipfels in Kopenhagen sind unterschiedlich. Während die tatsächlichen Großmächte wie die USA und China von einer positiven Tendenz sprechen, sind viele der Schwellenländer enttäuscht, vor allem, weil sie sich mehr bezüglich der Transferleistungen aus den wirtschaftlichen Hochzentren erwartet hatten. Die Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel hingegen zeigt sich verärgert, weil die von ihr befürworteten Margen nicht in die Abschlusserklärung mit aufgenommen wurden. Schlimmer noch die Opposition, die den Gipfel hinsichtlich seiner Ergebnisse als Desaster begreift.

In einer Welt, in der zunehmend so genannte Lösungen nur noch auf Gipfeln erzielt werden können und unter allen Umständen als Chefsache deklariert werden müssen, um Beachtung zu finden, sollte daran gedacht werden, dass internationale Konferenzen einen Aushandlungsprozess darstellen, in dem das Gewicht der handelnden Parteien nicht von Routinen des internationalen Protokolls abhängen, sondern von ihrer tatsächlichen Macht im Weltgefüge. Lässt man dieses Faktum außer Acht, wundert die folgende Enttäuschung nicht. Wer in Deutschland glaubt, mit der selbst suggerierten Weltmeisterschaft auf allen möglichen Gebieten tatsächlich ein dominantes Gewicht erreicht zu haben, unterliegt einer Illusion. Neben den USA, die nach wie vor die Hegemonialmacht Nr. 1 darstellen, sind Mächte wie China und Indien hinzugekommen, die Potenziale mitbringen, die jenseits bundesrepublikanischer Einflusssphären liegen. Beide werden nicht mehr auf den Rat von Frau Merkel warten, denn die wirtschaftlichen wie politischen Dependenzen haben sich verschoben.

Die normative Definition von Weltklimazielen, die zweifelsohne erstrebenswert ist, kann nicht abstrahiert werden von einer weltwirtschaftlichen Ordnung, wie sie sich gegenwärtig darstellt. Die vor allem in China applizierten Produktionsweisen sind mit ihren Kostenstrukturen auch darauf abgestellt, die Märkte der alten Zentren zu bedienen, worauf diese wiederum aufgrund der deteriorierenden Einkommensstrukturen angewiesen sind. Von dem in China produzierten Motorroller über variationsbreite Elektronik, Optik, Maschinenbau bis hin zum Akkordeon oder dem Akustikbass sind es die Preise, die den Aufstieg Chinas auf allen Märkten garantieren. Letztere sind für eine Ökonomie wie der der chinesischen jedoch nur zu erzielen, wenn der Faktor billiger Arbeitskräfte mit der einer wenig reglementierten Umweltbelastung und Ressourcenverwertung korrespondiert. Es ist kein Wunder, dass China schon vor langer Zeit die USA gewarnt hat, es könne aufgrund seiner Kapitalvorräte auch den Massenexport einstellen und nur noch den Binnenmarkt bedienen, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Die Reaktion war betretenes Schweigen, denn ohne die chinesischen Billigprodukte wäre ein gravierender Einschnitt im Massenkonsum des Westens sicher. Das will wiederum niemand. So sollte die argumentative Arroganz der Gutmenschen besser dezenteren Überlegungen weichen. Ein globales Immundesign, das für das Überleben auf dem Planeten dringender denn je erforderlich geworden ist, lässt sich mit den überholten Moralschemata nicht bewerkstelligen. Es basiert auf einer neuen, nach eher pragmatischen Gesichtspunkten basierten Weltwirtschaftsordnung und auf den Gräbern alter Lebenslügen des Westens.