Semantischer Brei als Regierungspolitik

Der Begriff der Akzeleration bedeutet Beschleunigung und wurde in den unterschiedlichsten Wissenschaften immer dann gebraucht, wenn sich in der Entwicklungsgeschichte eines zu beschreibenden Zyklus Entscheidendes hinsichtlich der bestimmenden Tempi getan hatte. Ein gutes Beispiel ist die biologische Entwicklung des Menschen selbst. Zunehmend schneller hat er in den letzten Jahrhunderten Entwicklungsphasen durchlaufen, vor allem Dinge wie Pubertät und Adoleszenz traten immer früher ein. Der Begriff der Reife hat zwar von dieser Akzeleration nicht profitiert, aber das steht auf einem anderen Blatt. Die Halbwertzeiten in der technischen Entwicklung wurden ebenso wesentlich kürzer, die Innovationsimpulse zur Kreierung neuer Prototypen kamen schneller. Daher ist die Akzeleration eines der großen Paradigmen in der technischen Welt.

Die Politik pflegt es, sich sprachlich aus den tatsächlich noch existierenden unmittelbaren Erfahrungswelten der Bevölkerung zu bedienen, um vermittels einer bestehenden Kollektivsymbolik die eigenen Vorhaben kommunizieren zu können. Klaus Theweleit hat den Part der Männerphantasien, welche in die Sprache der Politik des Deutschen Reiches und der Weimarer Republik bis heute noch eindrucksvoll beschrieben und analysiert. Die technische Kollektivsymbolik hingegen reicht vom Fesselballon über die Kriegstechnologie bis ins heutige IT-Zeitalter. Gut ist jeweils abzulesen, wie die Politik sich in diesen Gefilden umsieht, um ihre Programme an den Mann zu bringen. Was dabei allerdings selten beachtet wird, ist das Gefühl für die Sprache. Gerade die Sprache hat einen Groove, der manchmal mehr bewirkt als der Inhalt, was die Marketing-Branche in hohem Maße, die Politik aber kaum für sich zu nutzen weiß.

Vom Krankenversicherungskostendämpfungsgesetz bis hin zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz wurden Begrifflichkeiten gezeugt, die als Deutung der Vaterschaft nur Monster zulassen. Doch widmen wir uns der Wachstumsbeschleunigung und sehen uns die Sache genauer an: Akzeleration im wissenschaftlich validen und soliden Sinne findet dann statt, wenn sich entweder die existenziellen Rahmenbedingungen, der eigene Stoffwechsel aufgrund einer andersartigen Energiezufuhr oder das Wesen der Nutung von Grund auf verändern. Die Zufuhr von marginalen Mitteln, wie bei dem Gesetz vorgesehen, in den bestehenden Wirtschaftskreislauf ohne die Nutzung oder die Spielregeln zu ändern wird nicht dazu führen, dass irgendetwas beschleunigt wird. Und schon gar nicht das Wachstum. Vielmehr ist es ein kleines Geschenk zurück an die Wähler, das ihnen schon bald in anderer Form wieder aus der Tasche gezogen wird.

Das Ganze erinnert an die Dramaturgie von Regisseuren, die eigentlich weder eine Botschaft noch eine Geschichte haben, die sie erzählen könnten. Sie stehen auf einer Bühne vor großem Haus und warten zur Enttäuschung des Publikums mit einem Stück auf, das verblüffend dem der Hütchenspieler in der Frankfurter Kaiserstraße ähnelt. Bis auf die Sprache, die regt niemanden zum Mitspielen an.