Als im Jahr 2004 Thomas L. Friedmans Buch The World is Flat: The Globalized World in the 21st Century erschien, lasen es viele Europäer mit der ihnen eigenen Distanz, weil Friedman vor allem mit Phänomenen einstieg, die die USA betrafen. Er schilderte Dinge, die irgendwie futuristisch und absurd, ja vielleicht auch typisch amerikanisch verrückt klangen. Da war die Rede von Tischreservierungen in Restaurants des amerikanischen Mittelwestens, die über Call Center in Bombay vorgenommen wurden und von zweitärztlichen Gutachten in kalifornischen Kliniken, die über Nacht via Datenübertragung aus Bangalore kamen. Viele sagten vor fünf Jahren, dass es unwahrscheinlich sei, hier mit gleichen Entwicklungen rechnen zu müssen. Wie so oft wurde das Prototypische der USA für den Weltkapitalismus unterschätzt und heute, nach nur fünf Jahren, melden sich die Berichte, wie sehr die Globalisierung bei der Koordination von Leistungsprozessen auch hier in Europa und Deutschland Einzug genommen hat.
Friedmans These, die von unzähligen Beispielen untermauert wurde, besagte zum einen, dass es kaum noch etwas gab, was als amerikanisch galt, das nicht zu großen Anteilen ganz woanders in der Welt entstanden war. Von dieser Feststellung beleuchtete er zum anderen die Tatsache, dass die Welt flach, das heißt in hohem Maße verbunden war, was zu einem vom Wertgesetz gesteuerten Synergieprozess führte und führt. Aus diesen beschriebenen Synergieprozessen wiederum hat sich eine globale Arbeitsteilung etabliert, die im Groben beschrieben werden kann als dass China die Fabrik und Indien zum Büro der Welt geworden sind. Immer komplexere Produktionsprozesse wandern nach China, das mit einer einzigartigen Dynamik und Liquidität die nötigen Produktionsbedingungen schafft, die erforderlich sind, um die Nachfrage auch in den alten Zentren des Weltkapitalismus zu bedienen, wie es Indien gelungen ist, durch die Adaption und Beherrschung von Informationstechnologie und vermittels elaborierter Dienstleistungen die Nachfrage nach qualitativ hoch stehendem Service bis hin in den Wissenschaftsbetrieb zu gewährleisten.
Die im Rekurs oft gebräuchlichen Verweise, die Qualität dieser neuen Zentren ließe nicht selten zu wünschen übrig, kann das Faktum nicht negieren, dass Produktion und Service tendenziell für den traditionellen Westen verloren gehen werden. Da wird das reine Lamento nicht zur Lösung beitragen. Die Frage, die sich vielmehr stellt, ist die nach dem, was an strategischen Weltleistungen in unseren Regionen bleibt. Und bei genauerer Betrachtung wird die Verhandlungsmasse kleiner, solange die Position eines antiken und starren ptolemäischen Weltbildes vertreten wird, das das eigene Land als das Zentrum der Welt begreift und die politischen Handlungen daraus ableitet. Wenn es weder Produktion noch Dienstleistung ist, dann kann es nur noch Kultur, Wissenschaft, Innovation und allenfalls die Logistik sein. Angesichts der rigiden ptolemäischen Strategien verkommen aber gerade diese Potenziale, wofür die Bildung das beredteste Beispiel ist. Stattdessen werden den Millionen und Abermillionen armen Teufeln, die ihre Perspektive schon längst in dieser Form verloren haben, Illusionen in den Kopf gesetzt, wie man sie vor etwas schützen will, das längst schon herrscht. Eine Strategie, die eine gute Prognose auf die Zukunft hat, kann nur dann entstehen, wenn sie sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, so bitter sie auch aufstößt.
