Als Claude Levi-Strauss sein Buch mit dem Titel Traurige Tropen veröffentlichte, hatte er genügend Feldexperimente hinter sich, um zu der Auffassung gelangt zu sein, dass die Tropen zwar ein nachhaltiges Gefühl der Trauer zu vermitteln imstande sind, dass sie aber andererseits auch dazu neigen, den kantigen Ernst der gemäßigten Klimazonen mit dem wirren Ornat einer Schlingpflanze umwuchern zu lassen. Die Tropen, so könnte man sagen, sind eigentlich Paradies und Untergang in einem, sie treiben alles Lebensfähige in die Höhe und lassen es in voller Blüte durch den giftigen Arm des Todes wieder pflücken. Wohl dem, der dort seine Sinne beisammen halten kann und nicht bei der einen oder anderen existentiellen Frage das Reale unter den Füßen verliert und ins Straucheln gerät.
Brasiliens Präsident, der ehemalige Gewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva, im Volke beliebt wie nie, entstammt der Partido de los Trabajadores (PT), die nicht nur ein sozialistisches Weltbild pflegt, sondern in vielerlei Hinsicht auch schon zusammen mit dem aus ihren eigenen Reihen stammenden Präsidenten Ideen und Programme entwickelt hat, die wirklich vorbildlich sind. Man denke nur an Lulas Initiative, den arbeitslosen Eltern in den Favelas Unterstützung zu gewähren, die ihre Kinder in die Schule schicken.
Jene Partido de los Trabajadores also hat nun durch eine erneute Initiative die Frage aufgeworfen, inwieweit die Tropen doch einen gewissen Einfluss auf die Gestaltung der politischen Prozesse haben. Die Initiatoren gingen zunächst von der vernünftigen Annahme aus, dass der Mensch von Grund auf ein kulturelles Wesen ist. Bei der Berechnung eines Unterstützungssatzes für Geringverdiener wurde nämlich folgendes vorgeschlagen: Ein Arbeiter, der weniger als 1500 Reales (ca. 800 Euro) verdient, hat bei dem bestehenden Preisniveau keine Möglichkeiten mehr, am kulturellen Leben aktiv teilzunehmen. Daher forderte sie von der Regierung, solchen Menschen einen Kulturgutschein von 50 reales (ca. 18 Euro) zukommen zu lassen, damit diese nicht vom kulturellen Leben ausgeschlossen bleiben.
Bis dahin ist das alles eine löbliche Angelegenheit und man wünschte sich sogar, dass etwas von dem Ideereichtum der brasilianischen Sozialisten auch Einzug in unsere kalten Korridore der Politik fänden, gäbe es da nicht ein kleines, wahrscheinlich den Tropen entspringendes Spezifikum: Das, was ursprünglich den Kauf einer Theater-, Konzert-, Kinokarte oder eines Buches ermöglichen sollte, droht an der zum Teil wenig entwickelten Infrastruktur des Landes zu scheitern. In Millionen brasilianischer Dörfer gibt es weder Theater noch Konzertsäle, weder Kinos noch Buchhandlungen. Was jedoch fast überall vorhanden ist sind Kioske, an denen Zeitschriften verkauft werden.
Und eben um jene Zeitschriften geht es, die zum großen Teil, wenn sie nicht gerade vom Fußball berichten, pornographischen Charakters sind. Sind auch die Kioskpornos ein Kulturgut, für die es 50 Reales monatliche staatliche Unterstützung gibt? Die Debatte hat das Land entzweit und wird hitzigst im Parlament geführt. Nun wartet alles auf die weise Entscheidung des Präsidenten, den sie alle nur Lula nennen, und ihm wird bestimmt wieder etwas Gutes einfallen, denn sonst hätte er nicht noch 83 Prozent Zuspruch für seine Politik. Und das gegen Ende der 2. Wahlperiode!
