Proteste gegen den Mackie Messer von Rom

Oskar Maria Graf hatte es einmal in einem Aufsatz über das Genre des Romans so erklärt: Das Publikum delektiert sich in der Fiktion an Charakteren, die über die Grenzen der Sittsamkeit hinaus agieren, die verwerflich sind und die das Ungedachte einfach in die Tat umsetzen. Deshalb sind die Mackie Messers in der Literatur so beliebte Figuren. Und je größer der Wunsch, sich mit derartigen Figuren zu unterhalten, desto größer die Pietät im realen Leben, d.h. desto rigider und frigider geht es im Alltag zu.

Wir leben nicht in dem Zeitalter, in dem der klassische europäische Roman das Medium wäre, aus dem heraus noch Politikentwürfe entstünden. Ersetzt wurde er durch den Film, welcher zunehmend als Blaupause für den Transfer von Fiktion in Realität gilt. Besonders die USA als Heimstätte der Traumfabrik par excellence hat es bereits mit einem Präsidenten und aktuell einem Gouverneur vorexerziert, wie der Wechsel von der Schauspielerei in die Politik funktioniert.

Das Medium Italiens für dieses Transferskript scheint der Mafia-Schinken zu sein, und die Figur, die bis zu einem gewissen Grade einer solchen Soap gerecht würde, war Silvio Berlusconi, der alles in sich vereinte, was ein Soap-Konzept sich nicht in einer Figur zu vereinen gewagt hätte: Korruption, Kollusion, Nepotismus, Rassismus, Machismus und vieles mehr, was in die Ideengeschichte und Verhaltenstypologie der vor-modernen Epochen gehört. Die anfängliche Koketterie des Italo-Patriarchalismus im eigenen Lande mit dem archaischen Gestus ist längst gewichen einem Überdruss, weil in einer der Wiegen der europäischen Zivilisationen doch mehr Substanz zu finden ist als anderswo.

Dennoch, die Scham ob der immer peinlicher werdenden Ereignisse um den Präsidenten ging von den Millionen Exilitalienern aus, die via Internet in der ganzen Welt Proteste gegen den Mackie Messer aus Rom organisierten. Sie appellierten damit an den echten, tiefen, demokratischen Patriotismus ihrer Landsleute in der ganzen Welt, die ihr Land mit der römischen Antike, der Oper, dem Fußball und der Küche und der Liebe schlechthin identifizieren, in der für unzivilisierte Ragazzi vom Schlage Berlusconis auf Dauer eben doch kein Platz ist.

Und das Internet tat seine Dienste, ähnlich wie beim Sturz Soehartos im indonesischen Jakarta oder einige Jahre später beim Ende Estradas auf den Philippinen organisierten sich weit über eine Millionen Menschen zu Demonstrationen gegen den italienischen Präsidenten. In Rom waren es 350.000 Menschen, die in einem wahren Volksfest den Machtrausch des Unberechenbaren anprangerten. Doch die internationale italienische Gemeinschaft ist groß, sodass ebenfalls in Berlin, Sydney, London, Barcelona, Amsterdam, Dublin, Paris, Wien, San Francisco, Montreal, Buenos Aires und Madrid mit vereinten Kräften demonstriert wurde. Fast könnte man sagen, das moderne Römische Imperium, die globalen Netzwerke des Exils, hätten sich vereint, um das Ansehen ihres Labels von der Aura eines Botox-Duces, der in den Escort-Agenturen seinen eigenen Propagandasendern Interviews gibt, in denen er die Verfassung diffamiert, wieder herzustellen. Gerade Im Mutterland des Genres gehört die Oper an einen Ort, wo das Ambiente stimmt.