Architektonischer Konfessionalismus

Das Ergebnis des Volksentscheides in der Schweiz, welches einen weiteren Bau von Moscheen in der Alpenrepublik verbietet, dokumentiert eine dramatische Veränderung im Selbstbewusstsein der dortigen Demokratie. Die in den anderen Demokratien der westlichen Welt vernehmbaren Reaktionen beruhigen ebenso wenig. Das Diktum mit legislativer Nachwirkung äußert den Wunsch, die eigene Identität nicht durch die Invasion einer fremden Religionen zu gefährden. Die Frage, die sich allerdings stellt, ist die nach der Definition einer Demokratie, die durch das Verbot der Gebäude, in denen eine andere Religion ausgeübt werden soll, ein Zeichen setzen will für die religiöse Identität und Tradition des eigenen Landes.

Die historischen Wurzeln der demokratischen Idee liegen in Zentraleuropa und sind abgeleitet aus einer im Mittelalter beginnenden und durch die Reformation vollzogenen Modernisierung der christlichen Religion. Das paternalistische Weltbild der alten katholischen Welt wurde durch den Protestantismus und besonders den Schweizer Calvinismus abgelöst vermittels einer Leistungsethik, die bis in den modernen Existentialismus hereinreicht und die geistige Grundlage für die Aufklärung wie den Kapitalismus schuf. Die Selbstverantwortung des Individuums vor sich, vor Gott und der Gemeinschaft ist der Nährboden für die Individualisierung des Menschen und das Postulat des Gemeinwohls die Grundlage für den Solidargedanken der modernen Gesellschaften. Die durch die Französische Revolution vollzogene rechtliche Fundamentierung der Demokratie wiederum war das Extrakt der Aufklärung, die ihrerseits durch die Vergesellschaftung von Freiheit und Toleranz bestach. Alles, was die westlichen Demokratien in den letzten 200 Jahren weltweit attraktiv machte, entstammt aus dieser geisteshistorischen Entwicklung und die Stärke der Demokratie bestand und besteht in ihrer Fähigkeit, mit ihren diskursiv nutzbaren Prinzipien sich in der Auseinandersetzung mit anderen kulturellen, religiösen und politischen Strömungen zu behaupten und in diesem Diskurs sich selbst zu modernisieren.

Die politische Debatte in der Schweiz geht um gefühlte Überfremdung, um wachsende Xenophobie und um eine diffuse Zuschreibung des weltweiten Terrorismus an die Religion des Islam. Die Argumente, die in dieser Diskussion eine Rolle gespielt haben, waren genährt von diesen Unklarheiten und speisten sich zudem aus Vergleichen mit islamisch dominierten Ländern, in denen die Toleranz gegenüber den Christen vermisst wird. Obwohl letzteres stimmt, kann es für eine Demokratie allerdings nicht das Maß der Reaktion sein. Sich gegenüber der islamischen Religion wie arabische Schurkenstaaten gegenüber den Christen zu verhalten, hieße, die europäische Geschichte in die Zeit der Vor-Aufklärung, oder besser gesagt, der Reconquista zurück zu versetzen, in der die spanische Krone eine aufgeklärte islamische Hochkultur in Andalusien zerschlug.

Die Entwicklungen in Europa und den USA mit einem Anwachsen des islamischen Teils der Kernbevölkerung ist ein Ergebnis der Globalisierung, das nicht durch Bauverordnungen und exklusiv ordnungspolitische Entscheidungen aufgenommen werden sollte. Freiheit und Recht sind Dimensionen, die über Islam wie Christentum stehen.