Die prekäre Dichotomie von Kultur und Zivilisation

Die Geschichte des Kulturbegriffs hat in Deutschland eine andere Verlaufsform genommen als in Frankreich oder den anglophonen Ländern. Der Begriff hatte bereits eine Dichotomie in der römischen Antike erfahren, als sich zur eigentlichen cultura, zu übersetzen mit Anbau und Pflege, womit die Veredelung der Natur und ihre Wertsteigerung gemeint war, die cultura animi gesellte, die die Verfeinerung der menschlichen Seele und die Sublimierung der Triebnatur meinte. Sowohl im französischen als auch im englischen Sprachbereich wurden beide Aspekte mit der Aufklärung unter dem Terminus der Zivilisation zusammengeführt und erfuhren aus der Perspektive des bürgerlichen Zeitalters eine Säkularisierung. Im französisch-angelsächsischen Begriff der Zivilisation dominieren die mess- und beschreibbaren Errungenschaften gesellschaftlichen Niveaus, wobei Dimensionen wie Konstitution, Rechtssprechung, Bildung, Infrastruktur und Zivilkodex dominieren.

Diese semantische Entwicklung ging an Deutschland zwar nicht vorbei, aber sie wurde vor allem durch Friedrich Nietzsche, den Historiker Jacob Burckhardt und den Endzeitphilosophen Oswald Spengler desavouiert. Sie stemmten sich sequentiell gegen die Säkularisierung der idealistischen Kulturnotation und sind zumindest in der Rezeption maßgeblich dafür verantwortlich, dass die von Wilhelm von Humboldt in einem Akt der Kulturkritik vollzogene Unterscheidung von den allgemeinen Leistungen der Zivilisation und den besonderen der Kultur als kreative Kräfte in der bildenden Kunst, Literatur und Musik, der Bildung und der Pflege der Sitten, in Deutschland beibehalten und neu begründet wurde.

Dass sich unterschiedliche Nationen unterschiedlich entwickeln, gehört zu den grundlegenden Erfahrungen von Geschichte. Der Sachverhalt, dass die deutsche Philosophie und Gesellschaftsforschung andere Wege gingen als die französische, englische oder später amerikanische, ist nicht nur bekannt, sondern für die Auswirkungen dieser Spezifika liefert die Geschichte des XX. Jahrhundert zahlreiche Beispiele. Auffallend ist, dass die vorgenommene Dichotomie in Deutschland dazu führen konnte, dass zivilisatorische Dimensionen wie das Recht unter der Suprematie einer aus dem Idealismus eines metaphysischen Kulturbegriffs stammenden Ideologie den Hunden zum Fraß vorgeworfen werden konnte, während die belitzten Schlächter Europas Aufführungen der Wagnerschen Götterdämmerung beiwohnten. Die kulturelle Implikation des bürgerlichen Kodex wurde gänzlich missachtet und einem verschwirmelten Idealismus entgegengesetzt, der keinen Filter mehr hatte gegen das Barbarische. Insofern ist die Geschichte als Evaluation etymologischer Begriffsentwicklung eine harte Richterin für diese Entwicklung.

Dass sich mit der zunehmenden Anglisierung des Denkens auch in Deutschland nach dem II. Weltkrieg, initiiert durch die Frankfurter Schule, die öffentliche Verständniswelt bis zum heutigen Tag in der vorgenommenen Dichotomie verirrt, zeigt die verheerende Rezeption von Huntingtons Clash of Civilizations, direkt übersetzt ein Zusammenprall der Zivilisationen, der nach dem alten Schema als Kampf der Kulturen übersetzt wurde, und eine Diskussion hervorrief, die absurder nicht hätte sein können.