Australien wird hierzulande fast ausschließlich mit positiven Adjektiven konnotiert. Der fünfte Kontinent als Land mit den tausend Gesichtern, die unglaubliche Natur von den Tropen bis zur Wüste, die vielfältige Flora und Fauna, die tollen Städte, die netten Menschen, die Extremsportarten, Nicole Kidman und ACDC. Kritische Stimmen kommen nur im Ansatz vor, zum Beispiel wenn ein Mannheimer Kabarettist mit türkischen Wurzeln, der mit einer Aborigine verheiratet ist, darüber berichtet, er habe erst gelernt, was Diskriminierung sei, als er mit seiner Frau Australien besucht habe.
Schaut man genauer hin, dann ist das Land die dunkle Seite des Mondes. Zusammengefasst handelt es sich bei Australien um das weißeste Land in einer zunehmend bunter werdenden Welt. Einmal abgesehen von der frühesten Funktion einer großen Gefangeneninsel für das British Empire, wovon sich die Bezeichnung der Australier als PROMEs, als Prisoner of Mother England ableitete, standen ethnische Diskriminierungen zumeist im Zentrum. Die Geschichte der Aborigines ist halbwegs bekannt, bis heute dürfen sie nicht arbeiten, sie werden nach wie vor
gettoisiert, man hat einer ganzen Generation von ihnen die Kinder abgenommen. Die Konzentrationslager, die man in der Vergangenheit für sie gebaut hat, wohin man sie brachte, um sie in der Vergangenheit eingehen zu lassen, sind heute Ferienanlagen für den Mittelstand. Einwanderer aus Asien ließ man nicht zu, Flugzeuge, die aus Asien kamen, wurden samt Insassen chemisch desinfiziert. Noch beim letzten Premier Howard setzte man Bootpeople, die um Asyl bitten wollten, in seeuntüchtige Miniboote und warf sie den Haien vor. Die Geschichte scheint unendlich.
Nun, in der letzten Woche, erreichten uns Nachrichten über eine andere Gruppe von Menschen, deren Vergangenheit noch im Dunkeln lag. Tausende von Kindern armer, mittelloser Briten wurden im letzten Jahrhundert ihren Eltern in England entrissen und mit Schiffen nach Australien gebracht, wo sie in Heimen landeten, in denen sie militärischer Drill, harte Arbeit, drakonische Strafen und häufig auch sexueller Missbrauch erwartete. Immerhin hat der jetzige Premier, Kevin Rudd, auf einer großen Veranstaltung dieser Geschändeten sich offiziell entschuldigt. Und nur wenige Tage später, nämlich heute, erhalten wir die Meldung von Asylbewerberaufständen von den australischen, vor der indonesischen Küste liegenden Weihnachtsinseln, die gar nichts Gutes vermuten lassen. Das Land scheint einfach von seiner Tradition des rassischen Rigorismus und einer weiß-britischen Intoleranz nicht loszukommen. Keine westliche Demokratie weist derartig viele Verstöße gegen die Menschlichkeit, keine derartig ausgeprägte Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit und einen Obskurantismus in Bezug auf die Aufklärung der Vergangenheit auf wie Australien.
Das bei uns als das sonnige und mit unbegrenzter Freiheit assoziierte Australien hat sehr viel aufzuarbeiten, um sich als Demokratie zu etablieren. Mit der Mystifikation, welche die Prospekte der Reisebüros verbreiten, ist dem Land und seinen Menschen nicht geholfen.
