Die Renaissance der Vulgärökonomie

In einer Ära, in der der beschwerliche Weg der wissenschaftlichen Betrachtung aus der Mode gekommen ist und die schnelle Frisur dem Modell namens Phänomen mit einem Wording verpasst wird, dass die eingehende Betrachtung ersetzt, muss man sich auf vieles gefasst machen. Die jüngste Weltfinanzkrise ist von diesem Styling nicht ausgespart. Grundlage der Analysen, soweit man das Werk der so genannten Analysten noch derartig bezeichnen mag, sind die Phänomene. Letztere werden als Axiome verstanden und daraus erwachsen dann Erklärungen, die märchenhafter nicht sein könnten. Das wäre alles auch nicht mehr als ein beiläufiges Phänomen seinerseits, fänden diese Gruselgeschichten nicht Eingang in die Planung und Durchführung praktischer Politik mit sehr konkreten Folgen.

Selbst wenn sehr vieles, was wir bis heute über die Entstehungsphase der Weltfinanzkrise aus den Etagen des Managements gehört haben Anlass zur Erschütterung über die charakterliche Disposition vieler dieser Funktionsklasse gab, ihr riskantes Verhalten, ihre Bonussysteme und ihre Verantwortungslosigkeit, so sind sie nicht mehr als Phänomene, aber eben nicht die Ursache. Die Tatsache, dass in vielen Ländern des Kapitalismus zu viel Geld in den Händen der Institute war, ist zurückzuführen auf eine schwere Strukturkrise des wirtschaftlichen Systems. Überschüssiges Kapital, d.h. Geldmasse, die nicht in die Investition neuer Produktionsprozesse läuft, erweist sich als Problem, weil die Renditen außerhalb des produktiven Bereichs gesucht werden müssen, was ein Widerspruch in sich selbst ist. Das probateste Mittel der dann notwendigen Kapitalvernichtung ist historisch gesehen der Krieg. Bis auf die USA jedoch, die kräftig im Irak und in Afghanistan dieses betrieb, konnte keine andere Nation mit analogen Problemen folgen.

Eine andere Form der Kapitalvernichtung bietet in den westlichen Demokratien die friedliche Enteignung von Volksvermögen. Dieses geschieht dadurch, dass neben dem überschüssigen, nach Investition suchenden Kapital aus dem Wirtschaftsprozess auch die Spareinlagen der Bevölkerung dadurch vernichtet werden, dass sie in traumhafte Investitionsfelder gelockt werden, die sich als spekulativ und desaströs entpuppen. Letzteres ist in der Bundesrepublik geschehen. Spareinlagen und unzählige Rentenabsicherungen wurden Opfer einer groß angelegten Kapitalvernichtung, nicht ohne zu bemerken, dass die kleinbürgerliche Gier nach astronomischen Renditen bei vielen der Opfer kräftig an dem Desaster mitgewirkt hat.

Aus dem Akt der Kapitalvernichtung, die, wie gesagt, aus einer Investitionskrise resultierte, nun die Theorie zu schmieden, man müsse die Gemeinwesen belasten, um ein günstiges Investitionsklima zu schaffen, dokumentiert, dass da Statik mit Dynamik und Logik mit einem psychedelischen Trip verwechselt wird. Die Krise der Produktivität und ihrer kapitalmäßigen Reinvestition mit einer zweiten Welle der Volksenteignung lösen zu wollen, ist die Renaissance der Vulgärökonomie, wie Marx das Herumspintisieren an Phänomenen nannte. Man könnte auch noch drastischere Formulierungen finden!