Sprachkompetenz als Mittel der Emanzipation

Im Jahre 1956 verfasste Theodor W. Adorno zum 100. Geburtstag von Heinrich Heine einen Beitrag für den Westdeutschen Rundfunk. Er nannte ihn „Die Wunde Heine“. Darin führte er anhand der Sozialisation und Biographie Heines aus, was den Düsseldorfer Juden, in dessen Elternhaus Jiddisch gesprochen wurde, dazu veranlasste, sich zu einem der blumenreichsten und bis heute gewaltigsten Vertreter der Deutschen Sprache gemacht hatte. Es war ein tiefes Gefühl des Ausgestoßenseins, des nicht Dazugehörens und der Gettoisierung. Der junge Heine hatte unter dem Stigma gelitten, durch seine von Dialekt und Argot gefärbte Sprache sich dem Spott derer ausgesetzt zu sehen, die zur gebildeten Gesellschaft gezählt wurden. Heinrich Heine unternahm vieles in seinem Leben, um sich den Eintritt in die Gesellschaft der Bildung zu verschaffen. Er ging sogar soweit, dass er vom Judentum zum Christentum übertrat, er wechselte die Stadt und ging in das wesentlich aufgeklärtere Hamburg und er studierte Jura. Alles waren nur scheinbare Fortschritte, zumal er mit seinen revolutionären Gedanken die Türen wieder zuschlug, die er durch seine willentlichen Integrationsversuche gerade geöffnet hatte.

Die Wunde, die Adorno in seinem Beitrag beschrieb, saß tief und war letztendlich Auslöser für die Besessenheit, mit der Heine die Deutsche Sprache in sich aufsog und ihn zu einem Meister des Ausdrucks machte. Keiner wie er schuf derartig viele Bilder, die die Wirren der Jahrhunderte überlebten, niemand kreierte eine so hinreißende Metaphorik wie er. Im Pariser Exil, welches bis zu seinem Tod währte und das nicht aufgrund seines Judentums, sondern wegen seiner revolutionären Gesinnung notwendig geworden war, reifte die Erkenntnis, dass er zu einem Heimatlosen geworden war, was die Nation anbetrifft, aber eine Heimat gefunden hatte, die nicht in Paris, sondern in der Sicherheit der Deutschen Sprache lag. Obwohl er auch eine exzellente Sprachkompetenz im Französischen erwarb, blieb die Heimat seiner Gedanken das Deutsche, und ohne diesen Umstand wäre die Deutsche Literatur um eines ihrer Hauptkapitel unverzeihlich ärmer.

Adorno wiederum sprach von der Wunde Heine, weil er nicht nur das Stigma mangelnder Sprachkompetenz erkannte, sondern die gesellschaftlichen Zustände seiner Kritik unterzog, die das Stigmatisieren geradezu provozieren. Dem muss man genauso wenig hinzufügen wie der brillanten Dialektik, die aus der Negation des menschlichen Subjekts den Antrieb der Negation der repressiven Verhältnisse erwachsen lässt, der es ermöglicht, sich zu emanzipieren und Großes zu schaffen.

Die Aktualität von Heines persönlicher Geschichte im Erwerb von Sprachkompetenz wie Adornos Note besteht darin, dass die meist negativ besetzten Diskussionen um Sprachdefizite bei Migranten wie autochthonen Deutschen ihrer defätistischen Botschaft beraubt werden können. Es ist eine Aufgabe ungeheurer gesellschaftlicher Wichtigkeit, den Individuen wie den ethnischen und sozialen Gruppen deutlich zu machen, dass sie sich Chancen verschaffen können, die ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechen, soweit sie sich motivieren, die Herausforderung einer Sprachkompetenz anzunehmen, die über das Mittelmaß hinaus geht. Das ist anspruchsvoll, aber welche Form der Emanzipation wäre das nicht?