Zwischen der Regierungserklärung und dem SPD-Parteitag in Dresden lagen nur wenige Tage. Bei ersterer gab die wiedergewählte und mit einer neuen Koalition regierende Bundeskanzlerin ihren Kurs für die Zukunft bekannt. Den Thesen von der Notwendigkeit anti-zyklischer staatlicher Investitionen nach dem britischen Ökonomen Keynes folgend, entwarf sie ein Konzept von Steuererleichterungen auf Kosten einer höheren Staatsverschuldung. Dieses eine Mittel stellte sie exklusiv in den Mittelpunkt ihrer Perspektive und blieb somit ohne strategische Ausrichtung. Der neue SPD-Vorsitzende Gabriel verkündete auf dem Dresdener Parteitag, die SPD müsse wieder sozialdemokratischer werden und stellte als hartes Faktum der neuen Politik die Widereinführung der Vermögenssteuer in das Zentrum zukünftiger Programmatik. Auch das war wenig strategisch. Beide Signale verdeutlichen, dass trotz vieler Lippenbekenntnisse die notwendigen Zukunftsinvestitionen in dem Ausmaß ausbleiben werden, das erforderlich wäre. Angesichts dieser Standpunkte scheint es wahrscheinlich, dass beide Lager, Regierung wie Opposition, mit dem gegenseitigen Vorwurf des klassischen Klientelismus nicht falsch liegen werden.
Die Autonomie klassischer Nationalökonomien galt so lange, wie solide Binnenmärkte und eine internationale Arbeitsteilung, die aus einem unterschiedlichen Stand der weltweiten Produktivkräfte resultierte, als gesichert gelten konnten. Mit der jetzigen Phase der Globalisierung haben sich diese Sicherheiten aufgelöst. Staaten, die im internationalen Vergleich erfolgreich agieren wollen, haben sich auf allen Stufen des wirtschaftlichen Gefüges einer globalen Konkurrenz zu stellen. Zwar existieren noch bedingt strategische Vorteile wie der Eigenbesitz von Rohstoffen, was jedoch die artifiziellen Prozesse einer jeden Wirtschaft anbetrifft, sind die regionalen Dominanzen längst aufgelöst. Energie wird weltweit produziert, im pazifischen Raum entstehen technisch brillante Automobile ebenso wie im alten Zentraleuropa, wissenschaftliche Dienstleistungen sind in Indien ebenso erhältlich wie an der amerikanischen Westküste, Logistik- und Transportkompetenz in Jakarta und Singapur nicht minder existent wie in Hamburg oder Rotterdam.
Die globale Gleichzeitigkeit von Verfügbarkeit produktiver wie distributiver Prozesse hat zur Folge, dass in den einzelnen Nationalstaaten die Frage erörtert werden muss, in welchen Segmenten man die Herausforderungen der bestehenden Konkurrenz wird erfolgreich annehmen können. Im Falle Deutschlands existieren Domänen, die gehalten werden können, wenn die Basis ihres Erfolges, nämlich qualifizierte und motivierte Menschen, auch in Zukunft zur Verfügung stehen werden, um an diesem Standort in den Bereichen hoch entwickelter Werkzeuge, Mobilität, Energie, Kommunikation und qualifizierter Dienstleistungen erfolgreich zu sein. Darüber hinaus wird sich die Frage stellen, inwieweit die Menschen, die nicht in diesen Sektoren werden tätig sein können, vor dem Abschieben ins soziale Aus bewahrt werden können.
In beiden Bereichen wird es darum gehen, mit einer qualifizierten Bildung, die fachlich, methodisch, sozial, strategisch und ethisch auf das zukünftige Agieren vorbereitet, die politischen Fragen, die uns heute so beschäftigen, wird beantworten können. Die gegenwärtige Antwort aus der Politik, in Bildung sei auf jeden Fall zu investieren, greift da zu kurz. Sie dokumentiert das Fehlen von Analyse und Strategie. Und sie zeigt, dass man geneigt ist, vor der Beschäftigung mit den eigentlichen Problemen zurückzuweichen.
