„Ein Diadem erkämpfen ist g r o ß. Es wegwerfen ist g ö t t l i c h.“

Friedrich Schiller, der Titan des deutschen Idealismus, der Hofsänger des Aufruhrs und der Darsteller der tragischen Geste, das flammende Herz und die gebrochene Seele, Friedrich Schiller, der Dichter und Dramatiker eines Volkes, das ständig auf der Suche ist und selten zu sich findet, Friedrich Schiller würde heute 250 Jahre alt. Und als sei es der Meister des Dramas selbst gewesen, so fällt sein Geburtstag immer auf den Tag, nachdem das Schicksal der Deutschen eine entscheidende Zäsur erhielt. Allein im 20. Jahrhundert dreimal, am 9. November jeweils, 1918, 1938 und 1989. Einmal brach das Kaiserreich zusammen und die Republik wurde ausgerufen, einmal wurden die bestialischen Triebe der wahren Untermenschen in der Reichspogromnacht entfesselt und einmal fiel die Berliner Mauer, nachdem sie 28 Jahre die Stadt Berlin geteilt hatte. Schillers Geburtstag am Tag danach kann die Reflexion dieser kometischen Geschichtsschläge erleichtern.

Friedrich Schiller, der Mediziner, der enzyklopädische Kompetenzen aufwies und sich als Dichter, Dramatiker, Historiograph und Protagonist einer ästhetischen Theorie einen Namen gemacht hat, in einer Qualität, die heute Demut erzeugt, war trotz seiner kognitiven Potenz getrieben von seinem Herzen. Genau dieses macht ihn zu dem Dichter der Deutschen, denn die Trennung der Ratio von dem benebelnden Ratschlag des Blutes ist die Sache der Deutschen nicht. Schiller wurde getrieben von Sehnsüchten und Zuneigungen, von Ehre und Trotz, und die kalte Ratio lag ihm so fern wie manche Orte, an denen seine Stücke bis heute gespielt werden.

Als im Januar des Jahres 1782 in Mannheim Die Räuber uraufgeführt wurden, fielen sich die Menschen im Publikum in die Arme, sie jubelten und weinten vor Freude. Schiller war es gelungen, vermittels einer später noch theoretisch fundierten Dramaturgie der Leidenschaft, den Menschen das Gefühl des Aufruhrs und der Läuterung zu injizieren. Was das Begehren der Deutschen nach Freiheit angeht, so war der 13. Januar 1782 in Mannheim eine Sternstunde, der Aufbruch Zentraleuropas in das bürgerliche Zeitalter. Und über zweihundert Jahre später, zu Ende der achtziger Jahre, kurz vor dem gestern noch gefeierten Fall der Mauer, war es eine Aufführung des Don Karlos zu Dresden, der die Menschen in Wallung brachte. Bei dem berühmten Satz: „Gewähren Sie Gedankenfreiheit!“ riss es alle Theaterbesucher von den Sitzen und tosender Applaus setzte ein. Es war ein Trompetenstoß, der den Untergang der Tyrannen einleitete.

Die Koinzidenz des deutschen Schicksals mit Friedrich Schiller ist nicht von ungefähr. Sie resultiert aus dem unbezwingbaren Bedürfnis, nach Freiheit zu streben und dieses mit einer heroischen Geste zu tun, die vieles erschwert. Die Devise ist das Alles oder Nichts, glänzender Sieg oder schmachvoller Untergang. Der Starke, Erfolgreiche, ist der Verschwendung verpflichtet, und gelingt ihm diese Geste nicht, so ist der Glanz des Erfolges eine schnöde Leihgabe. Schillers Freiheitsbegriff ist in der Komplexität der Moderne kaum einzulösen, aber dennoch wird unser Schicksal immer mit seiner Vision verbunden sein. „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, reihe seinen Jubel ein!“

Ein Gedanke zu „„Ein Diadem erkämpfen ist g r o ß. Es wegwerfen ist g ö t t l i c h.“

  1. Avatar von WilhelmNitya

    „Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich.“
    „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, reihe seinen Jubel ein!“

    Das ist ganz und gar wunderbar.
    Lieber Gerd, ich danke dir herzlich.

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