Die Implosion der DDR, die Illusion eines Neubeginns

Die heftigen, arrangierten Feiern zum Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren haben gemein, dass sie in hohem Maße zu einer Glorifizierung von Geschichte beitragen, die nicht angebracht ist. Im Gegensatz zu der Freude über das Ende eines Staates, der diktatorisch und despotisch, aggressiv und verlogen, tyrannisch und verkommen, großspurig und abgewirtschaftet war. Die Menschen, die sich auch noch nach zwei Jahrzehnten glücklich schätzen, diese Ära überlebt zu haben, diese Menschen haben das Recht, zu feiern und zu tanzen.

Vieles von dem, was allerdings heute auch von offizieller Seite kolportiert wird, ist vom Lauf der Geschichte so nicht belegt, aber wer lebt nicht vom Mythos? Da ist von einer friedlichen Revolution die Rede, vom Sieg der Freiheit über den Zwang, und einem erfolgreichen Kampf der Demokraten. Es ist müßig, die einzelnen Aussagen widerlegen zu wollen, weil natürlich auch immer etwas Wahres dahinter steckt, aber selten das Wesen durch derartig plakative Aussagen getroffen wird.

Aus heutiger Sicht wird deutlich, dass vor allem die DDR völlig am Ende war, sie hatte im wahren Sinne des Wortes abgewirtschaftet und war kurz davor, alles für Geld zu tun, der glorreiche Arbeiter-und-Bauern-Staat stand schlichtweg vor der Alternative: Untergang oder Straßenstrich. Die Revolutionäre, die friedlichen, waren in vielerlei Hinsicht längst nicht so frömmlerisch, wie sie in die Geschichtsbücher gemalt wurden. Die wirklich subversive DDR-Opposition war demokratisch und in starkem Maße anti-kapitalistisch. Liest am die Journale des Herbstes von 1989 heute noch einmal, so ist man verwundert über das Kritische gegenüber dem Kapitalismus und das Utopische im Hinblick auf den Sozialismus. Dem gegenüber standen regelrecht nationalistische Töne aus dem Westen, die an die untergehende Offizierstaste aus beiden Weltkriegen erinnerte und viele selbst im Westen verschreckte. Auf beiden Seiten der einstigen Grenze glaubte allerdings eine Mehrheit an einen Neubeginn, jenseits der alten Ideologien und diesseits neuer Gestaltungsmöglichkeiten.

Es ist charakteristisch für den Lauf der Geschichte, dass er weder rein noch gradlinig ist. Das zu begreifen, hat den Deutschen der große Demiurg viele Gelegenheiten gegeben, nur leider waren die Lernerfolge bis heute nicht zufrieden stellend. Denn angesichts des Jahrestages des Mauerfalls wird wieder allseitig der jeweils zerstörten Illusion hinterher geweint, statt nüchternen Auges das zu analysieren, was hinter uns liegt.

Ein staatliches Monstrum ist implodiert, eine Massenbewegung erzeugte den Druck zur Bewegung. Das dynamischere Nachbarsystem nutze die Gunst der Stunde und verhinderte de facto eine Zeit der Besinnung, die notwendig gewesen wäre, um sich auf neue Wege zu einigen und zu begeben. Die Bewohner des „siegreichen“ Systems machten so weiter wie bisher, die des „unterlegenen“ passten sich schnell den neuen Verhältnissen an. Sie waren die flexibleren und gelangten auf den Fluren des fremden Hauses zu Macht und Einfluss. Die Diktatur fiel, der Nationalismus konnte keinen neuen Aufschwung verbuchen. Die Demokratie blieb die alte, nur mit neuem Personal. Nicht revolutionär also, aber wesentlich besser als vorher!