Die Zeiten, als die Türkei gemeinhin als der Kranke Mann am Bosporus genannt wurde und diese Bezeichnung als Synonym für Instabilität und Krise stand, sind lange vergangen. Doch trotz der säkulär-laizistischen Revolution Ata Türks und zahlreicher Versuche, einen modernen Nationalstaat im aufgeklärten Sinne zu formen, ist das an Bedeutung gewinnende Land immer noch auf der Suche. Nach jahrelanger Instabilität, die im dauernden Wechsel zwischen sozialdemokratischen und am konservativen Militär – das sich seinerseits als Wahrer der laizistischen Idee sieht – orientierten Regierungen, denen es allesamt nicht gelang, das Land zu einer neuen Kontur zu bringen, ist seit 2002 die AKP mit einer deutlichen Mehrheit am Werk der Neuorientierung.
Dabei ist die AKP unter Ministerpräsident Erdogan auf den ersten Blick eine eher konservative Partei, die ihre Massenbasis in dem großen, ländlich strukturierten und religiös orientierten Anatolien hat. Aber nur auf den ersten Blick, denn auch in den Metropolen Ankara und vor allem Istanbul hat sich eine neue, durchaus international konkurrenzfähige Unternehmerschaft herausgebildet, die sehr engagiert die AKP unterstützt. Das Kuriosum der Regierung Erdogan besteht darin, dass sie mit einem eher kulturell und religiös retrospektiven Programm die Modernisierung der türkischen Wirtschaft in einer Dimension wie kaum eine Vorgängerregierung gestaltet hat. Korruption und Schattenwirtschaft sind in einer beachtlichen Weise erfolgreich bekämpft worden und es wurde eine Rechtssicherheit geschaffen, die in der jüngeren türkischen Geschichte einzigartig ist.
Gleichzeitig kokettiert die AKP-Regierung mit Atavismen, die an den tiefen Obskurantismus der Vergangenheit erinnern. Der Völkermo0rd an den Armeniern im Jahre 1915 gehört für sie genauso zu einem Tabu wie die Freiheit der Literatur und die Weltläufigkeit der boomenden Metropole Istanbul. Der Zypernkonflikt ist nach wie vor weit entfernt von einer auf Freiheit bezogenen Entscheidung wie die Kurdenfrage. Bei allem sieht man zwar zaghafte Versuche der Regierung, sich diesen heißen, mit hohem Symbolwert behafteten Themen zu nähern, doch die Angst vor einem Gesichtsverlust gegenüber der islamischen Massenbasis lässt sie immer wieder davor zurückschrecken. Es wird versucht, diese Sollbruchstellen auf dem Weg von der Vergangenheit in die Moderne durch imperiale Gesten und fragwürdige Bündnisse und Avancen wie gegenüber der iranischen Regierung Ahmadineschads zu umschiffen.
Dennoch wäre es falsch, den Weg der Türkei unter der Regierung der AKP als gescheitert zu bezeichnen, weil es sich um die erste Regierung handelt, der es gelungen ist, das Land in einer erstaunlichen Weise zu modernisieren, ohne die ländliche Massenbasis in den bedingten Reflex der fundamentalistischen Gegenbewegung zu treiben. Das erklärt die Erfolge einer scheinbar konservativen Partei in der Gestaltung des Fortschritts. Armenien, Zypern und die Kurdenfrage sind die Felder in der nahen Zukunft, an denen man wird sehen können, ob das einzigartige Projekt gelingen wird.
