Die momentanen Feiern zum Fall der Berliner Mauer sollten nicht zu einer Nabelschau werden, bei der die globalen Auswirkungen des Jahres 1989 außer Acht gelassen werden. Schließlich gaben die deutschen Ereignisse den Auftakt zur Auflösung einer bis dahin geltenden Weltordnung, die auf einer eindeutigen Bipolarität zwischen den USA und der Sowjetunion ruhte. Nach dem Zerfall der UdSSR rührte sich zunächst ein amerikanischer Triumphalismus, dem allerdings durch die Verschiebung der Machtimpulse in den pazifischen Raum korrigierende Ernüchterung folgte.
Das Russland, das der Sowjetunion folgte, tut sich bis heute schwer in einer zukunftsfähigen Positionsbestimmung. Nachdem viele Staaten der ehemaligen UdSSR ausgeschert waren und sich nur noch wenige wie Belorussland oder Kasachstan zu einem Bund mit Russland hatten entschließen können, war das Land mit sich selbst beschäftigt. Jelzin, der Gorbatschow folgte, diese chevalereske Figur mit den Attitüden eines Brigadeoffiziers aus zaristischen Vorzeit, kann das Verdienst zugeschrieben werden, die putschenden Militärs, die sich nach dem Kalten als Vorstufe zum heißen Krieg sehnten, in ihre Schranken verwiesen zu haben. Sein Nachfolger Putin war zwar besonnener und disziplinierter, aber als ehemaliger KGB-Offizier dennoch ein geistiges Kind der Vergangenheit.
Putin setzte nicht auf eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft, sondern eher auf eine Form autokratischer, formal begründeter Demokratie, was letztendlich ein utopisches Unterfangen ist. Zentralismus und Hegemonie bildeten dabei die Leitmotive, sowohl für die innere wie die äußere Entwicklung. Die Kriminalisierung der Opposition im eigenen Land und militärische Konflikte zuhauf an der Peripherie waren die Folge, welches mit der Abnahme des internationalen Einflusses korrespondierte. Auftritte Putins wie vor der internationalen NATO-Sicherheitstagung in München, in denen er wie ein imperialistischer Haudegen vergangener Tage der Welt drohte, trugen nicht zu dem bei, was vertrauensbildend vonnöten gewesen wäre.
Die wirtschaftliche Entwicklung konnte bei der revisionistischen Disposition der politischen Führung nicht die Modernisierung erfahren, die erforderlich wäre, wollte man ein Land von der Fläche Russlands mit einer Bevölkerung von derzeit 140 Millionen Menschen entscheidend nach vorne bringen. Die Militäroligopole wurden nahezu nahtlos ersetzt durch Energieriesen wie GAZPROM, Staatsmonopolisierung dominierte Privatisierung, Gigantomanie hatte Vorrang vor Flexibilität und Mobilität. Das Ergebnis ist eine Ökonomie, die auf Rohstoffförderung und Energiehandel basiert, ungefähr so modern wie die mit Glanz im Sande versinkende arabische Welt, ohne artifiziell entwickelte Produktivität und stratifiziertem Wohlstand. Das heutige Russland gleicht wie die vorausgegangene Sowjetunion einem Koloss auf tönernen Füßen, von dem gefährliche Impulse ausgehen können, dem aber zu wünschen ist, die erforderlichen inneren Reformen mittels guter Partnerschaften in die Wege leiten zu können.
