Und Texas spielte Doppelkopf

Dort, wo die Tische unter der Decke hängen und die Lampen ein derartig erbärmliches Licht um sich werfen, dass die Depression ihre ersten Angriffe auf die Netzhäute fährt, ist heute Nacht wieder Hochdynamik. Am Fenster sitzen die Gesitteten, laue Mixgetränke schlürfend und sich über irgendwelche Erkenntnisse unterhaltend, die sich ihnen auf ihrer langweiligen Bildungsreise aufgedrängt haben. Sie sind hier nicht beliebt, aber für die Existenz unabdingbar. Bei ihnen macht es die Masse, die Tische immer voll, sie sind zu siebt oder acht, kommen gerade aus der Uni oder von einem Arbeitskreis, stürmen herein, bestellen ein oder zwei Getränke, dazu eine der erbärmlichen Pizzen, verzehren diese, scheißen eine halbe Stunde klug, Zahlen und raus. Das ist gut für den Umsatz. Kein großes Gehabe, keine Auswirkung auf die Kultur. Zwar gibt es zwar immer wieder Reibereien mit dem Personal, aber das hält sich in Grenzen. Zum Beispiel, wenn sie sich beklagen, dass Kakerlaken auf der Americana sind und der Thekendienst herüber schreit, dass sei die Fleischeinlage, die gehöre dazu und dabei wiehert wie ein Pferd beim Abdecker.

Heute, hinten, sitzt der schräge Pit, wacholderdurchtränkt, wie immer allein und hält eine Rede. Wer hören will, bekommt es mit. Vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet, befinden wir uns auf einer Hochwelle zurück in die Barbarei. Eh, ihr Schlauen, dahinten, bekommt ihr das mit, oder hat euch die höhere Wirtschaftsmathematik schon das Hirn verätzt. Der Umstand nämlich, dass die Relation von unmittelbarer zu mittelbarer Erfahrung zuungunsten der unmittelbaren zunimmt, ist nur ein scheinbar zivilisatorisches Fortschreiten. Denn die Intellektualisierung der Erfahrung bringt zwangsläufig eine Verkümmerung basaler Kulturtechniken mit sich!

Ja gibt’s denn das, Pit ist immer noch nicht fertig, schreit der dicke Hanns und starrt durch seine fettverschmierten dicken Brillengläser in die Richtung, wo Pit in der Nische im Dunkeln seine Vorlesung hält. Bring ihm nen Wacholder und frag ihn, wie seine kleine Schwester heißt, damit er wieder runter kommt. Hanns selbst erzählt dem Keeper weiter, wie er am Samstag auf einer Fete über dem Pigalle, ja klar, dem Stripteaseschuppen, ja wie er da dem dämlichen Kanadier, diesem Holzfäller, voll eins in die Fresse gehauen hat. Ja sicher waren da Stripperinnen, nein, nicht auf der Fete, die war doch bei Odille, der französischen Germanistin, die wohnt da doch, in so einem Schlag, direkt neben den Umkleideräumen. Ja ja, die kamen immer rein und sagten, sie müssten sich konzentrieren, bevor die Show beginnt, natürlich alles dummes Zeug, glaub nicht an das Geheule von ner Stripperin, die wollten doch nur mitmachen. Jedenfalls sehe ich plötzlich, dass dieser dumme kanadische Hund plötzlich an meiner Pfeife saugt. Da ist mir der Kragen geplatzt, ich ihm gleich voll auf die Wumme. Da heult doch der dumme Hund los und die Mädels haben Mitleid. Anns, warum ast du dass gemacht? Da wars dann vorbei mit der Nacht.

Und die Abnahme der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zugunsten einer gewissen intellektuellen Geübtheit führt zwangsläufig…

Mann, wann kriegt die arme Sau denn den Wacholder, ich halt das nicht mehr aus!

Zu einer neuen Dependenz von einem sich entwickelnden, andersartigen Proletariat.

Pit, die Runde geht auf mich!
Da sage ich nicht Nein, meine Herrschaften, spirituelle Getränke fördern den Geist der Zivilisation! Hob das Glas und ließ den farblosen Wacholder gluckernd in seinen Philosophenschlund rinnen.

Als Hanns durch seine Fettgläser in die andere Richtung sah, erblickte er Marianne, die mit ihrem welligen Haar und den stahlgrauen Augen wie ein Raubtier im Gang stand und die Akteure fixierte. Immer, wenn sie eintraf, entstand eine knisternde Atmosphäre und Hanns starrt mit offenem Mund auf die Außerirdische, bevor er sich an den neben ihm stehenden Ginge wandte.

Ginge, das ist was für dich, du bist groß, jung und stark und du hast Feuer unterm Dach. Da steht die drauf, glaub mir das. Da musst du rangehen, bevor dieses Monster kommt, auf das sie hier immer wartet.

Hanns, eben dieses Monster ist mir nicht geheuer, ich will nicht wegen Schusswaffengebrauchs und ner Braut einen Ring durch die Nase gezogen bekommen. Schabo, dick dich, wie der Sinto sagt, Junge, pass auf. Hanns, wenn, dann ist das was für dich…

Nein, nein, ich bin aus dem Banat, da schlägt man sich nicht, man bringt sich nur ganz heimtückisch um, verstehst du, außerdem bin ich verlobt, du weißt, das ist ein Gelübde. Da kannst du nicht rumstreunen wie ein Hund.

Ist das Retardierende der umgekehrte Reflex zur Emanzipation.

Madre Mia, hab ich hier angeheuert, weil ich dem Wahn und der Tristesse des Alltags entfliehen wollte und sitze jetzt hier im Mekka des Irrsinns. Wohin ich auch schaue, die Torsi einst viel versprechender Leben, entmannt und verhökert, desillusioniert und verblödet. Was zieht ihr hier ab mit dem Sprössling einstiger italienischer Einwanderer, der an die Ordnung, Disziplin und den Verstand der Teutonen erst geglaubt hatte und nun eines Besseren belehrt wird.

Du musst die ganz hart anfassen und ihr sagen, so mein Schatz, dein Lover kommt heute nicht, aber dafür ist dein Glückstag. Ich nehme dich jetzt nämlich mit ins Himmelbett von Onkel Ginge.

Doch eine Entmündigung intellektuell versierter Menschen hat nicht selten eine ungeheure Dimension psychosozialer Folgen…

Wenn die Americana wieder Kakerlaken hat, hole ich den WKD, ihr Hobbygastronomen, wolln doch mal sehen, ob ihr euch alles leisten könnt!

Puta Madre, das reicht mir jetzt, nun wird rituell geschächtet. Paolo sprang wie ein Turner über die Theke, rannte polternd auf den Tisch mit dem Schreihals, der die Pizza bestellt hatte, zu, packte diesen am Kragen und schleifte ihn wie einen nassen Sack hinter sich her. Nasser Sack, blass, wehrte sich nicht und ließ sich entfernen. Als Paolo wieder hereinkam, war Aufbruchstimmung, alles johlte ihm zu, als sei er der neue Superstar.

Die Runde geht auf mich, tobte Hanns und versuchte Ginge mit seinem muskulösen linken Arm in Richtung der Schönheit zu schieben.
Plötzlich tauchte aus dem dunklen Gang der Chef des Ganzen auf, Ahmed, wie immer gnädig lächelnd, den Mantel nur über die Schultern geworfen und begleitet von seiner blonden Schönheit, die von einem anderen Stern herab gekommen zu sein schien. Auch sie lächelte, als zeige ihr Mann ihr ein Biotop von kleinen putzigen Maulwürfen, die zudem noch nützlich waren und das Kleingeld ausbuddelten, von dem er ihr so ab und an einen chiquen Ring oder ein Nerzjäckchen kaufen konnte. Wie immer schüttelte Ahmed die Hände der Anwesenden, immer gutmütig dreinschauend. Sein strahlendes Herz folgte ihm dabei, gab aber niemandem die Hand, nickte nur milde. Nach dem Parcours ging Ahmed hinter die Theke und von dort mit dem Diensthabenden in die Küche, um abzukassieren, während Goldherz sich herabließ und mit dem zweiten Keeper freundliche Belanglosigkeiten austauschte. An Ahmeds Miene konnte man nie sehen, wie die Geschäfte liefen, nur am Gesicht des Diensthabenden, der ihm aus der Küche folgte erkennen, ob er Druck bekommen hatte oder nicht. Ahmed, der Libyer, hatte einen Namen. Er galt als hart und gerecht, nur mochte er nicht, wenn man ihn betrog, das hatte grausige Folgen. Nach geleisteter Routine verließ das Paar salbungsvoll die Stätte.

Die Aporie von Erkenntnis und praktischer Folge kann als universelles Problem ausgewiesen werden, ist es doch eine dauerhaft wirkende Dialektik, die als die historische Dynamik identifiziert werden kann.

Wann bekommt denn unser Cheftheoretiker endlich seinen Wacholder, tönte Hanns, das ist ja kaum noch zum Aushalten!

Der hat schon fast eine Flasche drin, mein Sohn, den kriegst du nicht ruhig, es sei denn, er hat einen lichten Moment und geht von selbst nach Hause oder er fällt bewusstlos vom Stuhl. Das ist etwas nicht Erklärbares, werte Freunde, der Mann ist das Perpetuum Mobile des Irrsinns.

Paulo, gib mir mal noch ein glas von dem Rouge ordinaire, der ist besser, als ich gedacht habe und hat ein richtig profiliertes Aroma, sprach die Katze mit den grauen Augen und stach Paulo mit ihrem Jägerblick ins Gleichgewichtsorgan. Der griff, leicht taumelnd, hinter sich ins Regal, um die Rotweinflasche zu ergattern.

Hanns und Ginge sahen sich nur bedeutungsvoll an. Mann, Ginge, raunte Hanns, immer noch durch seine riesige, verspeckte Brille starrend, vielleicht ist die doch ne Nummer zu groß für dich, die hat einfach Klasse, das ist nichts für so Spillerhaken wie wir es sind.

Voilá. Grunzte verunsichert Paolo, als er das Weinglas über die Theke reichte, Rouge ordinaire, direkt aus dem Langedoque und über den Tresen der Welt, wohl bekomms Dulcinea, le pain est le droit du peuple, und wenn es Wein ist.

Jetzt hat sie ihn auch schon um den Verstand gebracht, Ginge, der arme Paolo redet doch sonst ganz vernünftig. Ich glaube, wir sollten gehen, denn das hier tut keinem Hirn mehr gut, es führt zum geistigen Verfall, Tendenz schnell.

Ein anderer, bis heute ausgeblendeter Aspekt, ist der der Disseminierung der kognitiven Kompetenz. Auch hier hat die gaußsche Normalverteilung, gesamtgesellschaftlich gesehen, versteht sich, meine Herren, wo bleibt der Wacholder, nur eine temporär valide Hilfsfunktion, um quasi den epistemologischen Prozess für die weniger potent Denkenden zu vereinfachen.

Nun packte Ginge Hanns am Arm, warf das geforderte Geld für die beiden auf die Theke und drückte den schwankenden Hanns vorbei an der Katze Richtung Ausgang. Aus dem Inneren betrachtet wurden die beiden ersetzt durch ein neu eindringendes Duo, den Rechtsanwalt und seinen Freund, den über die Landesgrenzen hinaus bekannten und teuer gehandelten Maler. Beide passten eigentlich nicht in dieses Lokal, weil sie um zwei Generationen älter als der Rest des Publikums waren, und ein erfolgreiches Leben hinter sich hatten. Doch sie spielten nun mit den Meriten Vabanque und zogen jede Nacht um die Häuser, den Alkohol immer als Wegweiser im Körper.

Für mich, den Anwalt des Volkes und der Kapitalverbrecher, bitte einen trockenen Riesling und für meinen Freund, den König des Expressionismus und den tuntigen Hasardeur der Farben, bitte auch einen trockenen Riesling, nur soll der meine aus dem Schoße der Pfalz, der für den Gaumen meines effeminierten Freundes aus dem Badenland kommen. Dabei hielten sich die beiden bereits an den Händen und drückten ihre Rücken an die Wand links von der Theke, um mehr Halt zu haben.

Während Paolo die Bestellung ausführte, tauchte ein weiterer Gast auf, der Freund der wartenden Katze. So richtig wusste niemand, wer er war, es hieß nur, er arbeite in der Traktorenfabrik und sei Trotzkist. Er wirkte gefährlich, war groß, muskulös, trug einen Schnauzer wie die russischen Revolutionäre, trank Rotwein wie Wasser und hatte einen Blick, der Schweißnähte setzen konnte. Kaum hatte er den Raum betreten, fiel ihm das Kätzchen in die Arme und ihr anfangs stechender Blick schmolz dahin wie grauer Kerzenwachs. Die beiden lehnten sich an eine der Stützsäulen und entzogen sich dem weiteren Geschehen.

Im Grunde genommen, meine Damen und Herren, lässt sich das Konstrukt der Überzivilisation als eines einer gegenläufigen inhärenten Paradoxie begreifen, hehehe, gewisser Maßen, meine Herrschaften, ein Wachölderchen würde übrigens die Synapsen ölen, die sich dann verquicken mit einem Elixier namens Esprit, hehehe, gewissermaßen, vox populi, vox Rindvieh, jedenfalls, ihr Arschlöcher, hat der Pit jetzt Durst, und wenn er nicht bedient wird, dann bricht er kurzerhand und ohne Vorwarnung die Vorlesung ab.

Um Gottes Willen, Pit, beeilte sich der nun jenseits der Reizbarkeit existierende Paolo, diese Erkenntnisse wollen wir uns doch nicht entgehen lassen. Sauste um die Theke und brachte in die dunkle Ecke, in der Pit dozierte, ein großes Bier und einen doppelten Wacholder.

Wieder sprang die Außentür auf und unter großem Gejohle sprang eine Figur vor die Theke, die durch ihr Aussehen auch hier befremdete. Es handelte sich um einen Mann, dessen Alter man kaum schätzen konnte, weil sich so vieles widersprach. Von der Figur her wirkte er jugendlich, einmal unabhängig von der saisonal doch etwas befremdenden Kleidung. Der Mann trug Trachtenschuhe und kurze, krachlederne Lederhosen, obwohl man sich im tiefen Winter befand. Darüber hatte er einen schwarzen Pullover mit dem heroisierenden Konterfei Che Guevaras. Er tänzelte und fuchtelte immerzu mit den Armen, und sein alt wirkendes Gesicht lachte ununterbrochen. Seine hohe Stirn ging über in eine lange Mähne, die zottelig nach hinten fiel.

Der Neuankömmling war anscheinend allen Anwesenden bekannt, denn wie aus einem Munde schrie alles Texas! Wo kommst du denn her?

Mit einer piepsigen Stimme gab er schleppend und vom Rhythmus eigenartig verzögert Auskünfte, die eine wilde Tour vermuten ließen, aber durch das Gesprochene nicht unbedingt bestätigt wurden.

Schäner Obend im Unikeller, donn JUZ, un zwischedorsch no schnell zum Kall, do war viellei was los.

Obwohl die Versammelten alle nicht zum soliden Fundament der Gesellschaft gehörten, wussten sie, wie es um Texas bestellt war. Er galt als allen Giften zugänglich, war im Grunde genommen ein lieber Kerl und fungierte in vielen Szenelokalen als Maskottchen. Als Maskottchen auf Abruf, da ebenfalls alle wussten, dass die täglichen Vernichtungszüge gegen seine eigene Gesundheit früher oder später den Sensenmann auf den Plan rufen würden.

Ohne dass Paolo fragen musste, servierte er Texas ein großes Glas Korea, eine Mischung aus Rotwein und Cola. Der ergriff tänzelnd das ihm Dargebotene und trank einen kräftigen Schluck, um danach wieder, immer lächelnd und piepsend, durch das Lokal zu tänzeln und zu zappeln und gleichzeitig mit allen Tischen ein Gespräch zu beginnen.

Die Pointe der Moderne liegt schlichtweg in der Simultanität von Fortschritt und Verfall. Die Technokratie, selbst das Konstrukt von Wissenschaft, Disziplin, Akkuratesse und Erfindung, trägt ihrerseits dazu bei, Zustände von Ungelehrtheit, Faulheit, Liederlichkeit und Desinteresse zur allgemeinen Existenz zu ermöglichen. Ha, das ist Zynismus, meine Damen und Herren, dieser Zynismus scheint das einzig Geniale zu sein, was gegenwärtig gezeitigt wird.

Freunde! Plötzlich sprang der Rechtsanwalt von seinem Platz auf, hielt sich an der Tischkante fest, und begann lautstark eine Adresse an das versammelte Publikum zu richten.

Freunde! Wenn ich sehe, wie wir hier so alle, friedlich und einträchtig beieinander sitzen, so möchte ich doch darauf hinweisen, dass wir uns nie die Tatsache entgleiten lassen dürfen, eines Tages vorm Weltgericht zu stehen. Dann ist die Stunde gekommen, in dem wir Rechenschaft ablegen müssen über unsere Taten und Unterlassungen. Wie ihr wisst, bin ich ein erfahrener Anwalt und dazu bereit, euch bei der Verteidigung in eurer eigenen Sache zu beraten.

Es ging ein Raunen durch das Etablissement, in dem große Vertrautheit, eine Spur Unwille, aber auch so etwas wie nicht bezwingbare Neugierde lagen. An der Reaktion des Publikums erkannte der alte Fuchs von Anwalt allerdings, dass er nun freie Bahn hatte.

Ohne das verehrte Publikum mit der abstrakten Beschreibung evidenter Delikte zu langweilen, schlage ich daher vor, mit einem ersten Fall zu beginnen. Ich wende mich an den immer noch gegen die Wand vortragenden Pit.

Teilweise, so war dieser währenddessen zu vernehmen, entgleitet der gesellschaftliche Verständigungsprozess zu einem laffen Zirkusspiel.

Spotte nicht, fiel ihm der Anwalt schreiend ins Wort, ein intelligenter Mensch wie du, der das Privileg seiner Erkenntnis vor einem leeren Glas Wacholder ausschüttet, verhält sich wie Onan in der Wüste! Wenn ich mich, trotz aller auferlegten anwaltlichen Neutralität, einer Metapher für deine Form der Existenz bedienen darf, so ist es immer diese. Und da es wenig Sinn macht, dich zu strafen mit einem infernalischen Strafmaß, so hege ich dennoch die Hoffnung, dass es die Art der Metapher ist, die dich schreckt. Denn natürlich hast du delinquentorisch verseuchtes Subjekt noch eine Restsubstanz Stolz, sonst kämest du nicht daher und monologisiertest hier herum, in der verschütteten Hoffnung, dass dir das eine oder andere wurmstichige Ohr noch sein knarrendes Gehör schenkte. Kurz, Pit, das Strafmaß bei deinem Fall würde eine Dimension erreichen, die das Gefühl und selbst deinen Verstand überstiege. Ich empfehle dir daher, den Wacholder den guten Köchen zu überlassen und die Reinheit der Erkenntnis weiter in dich einzusaugen und dir ein würdigeres Publikum zu suchen als diesen Haufen Unwissender, die groß in der Verschwendung und kleinen Herzens sind!

Tosender Applaus und lautes Gegröle begleitete das Ende der ersten Einlassung des Anwalts und zum ersten Mal wurde man auch Pits gesichtig, der aufsprang, laut applaudierte und immer wieder heiser Chapeau Monsieur Advocat Diable rief. Wer Pit nicht vorher kannte, war erstaunt, einen relativ jungen Mann zu sehen, groß von Wuchs, mit blonden langen Haaren und einer Garderobe, die durchaus als gut gewählt und erhalten beschrieben werden konnte. Seine blauen Augen hatten etwas Strahlendes, auch wenn man zuweilen meinte, er verfolge damit ein Hunderennen. Im Angesicht der Erscheinung des vorher wie aus dem Totenreich Vortragenden hatte man nun den Eindruck, dass der Anwalt durchaus den richtigen Ton angeschlagen hatte, um den Mann zu berühren. Denn der schritt nun majestätisch zur Theke, um Balance ringend, aber erhobenen Hauptes, und beglich unter abermaligem Applaus seine Rechnung, und schwebte wie gelindert vom Ort des Geschehens.

Da wir nun, so fuhr der Anwalt fort, mit Demut zu registrieren haben, dass die vorbereitenden Übungen zum finalen Weltgericht von einigen Anzeichen begleitet werden, die dazu Anlass geben, eine gewisse Hoffnung zu hegen, sollten wir die Gelegenheit nutzen und uns einen weiteren Kandidaten ergreifen.

Hol disch der Deiwel, onere Nummer, Monn! Kreischte von einem der hinteren Ränge der immer noch von Tisch zu Tisch springende Texas, den kaum jemand verstand und der so langsam die Aufmerksamkeit verlor.

Nun, konterte der Anwalt, in diesem Falle werden wir uns nicht herablassen, unsere Energie zu vergeuden, wissen wir doch, dass das höchste Gericht stets Milde walten lässt mit den Kretins dieser Welt, die weder wissen, was sie tun, noch begreifen, was um sie herum vorgeht und letztendlich nicht einmal wissen, was sie nicht wissen.

Bledsin, bleder, johlte Texas, doch nun begannen selbst die Abgelenktesten um Ruhe zu zischen.

Der Anwalt genoss es, diesen tumultösen Haufen in seinen Bann gezogen zu haben, tätschelte liebevoll den Kopf des neben ihm sitzenden Malers, der seinerseits gerade ein Weinglas mit einem grünen Henkel zu Munde führte und wie ein kleines Kind dankbar grinste.

Werte Geschworene, wenden wir uns nun dem unseligen Paolo zu! Könnt Ihr mir sagen, was dieses Kind italienischer Einwanderer hier treibt? Intelligent, bilingual, in zwei Kulturkeisen zuhause, mit einem Abitur und einem atemberaubenden Aussehen gesegnet, steht er hier hinter einer versifften Theke und macht den Lakaien für den Abschaum der Zivilisation.

Lautes Gejohle und große, ausgelassene Zustimmung unterbrachen die Einlassung, was den Anwalt dazu veranlasste, mit geschlossenen Augen und einem gutmütigen Lächeln beide Handflächen parallel nach unten zu führen und um Ruhe zu bitten.

Du erblickst jeden Abend die Endstation der menschlichen Irrfahrt in zigfacher Version und kehrst dennoch immer wieder zurück an diesen Ort, weil du glaubst, dieses hier sei ein Leben, dass interessanter ist als der Rhythmus da draußen, wo Menschen sich der großen Leistungsschau des Daseins stellen, um ihre Existenz zu sichern und sich Befriedigung zu suchen. Stattdessen ergötzt du dich an entglittenen Gesichtszügen, unartikulierten Sentenzen und am Antlitz schnell verlebter Huren Babylons.

In diesem Augenblick löste sich der Trotzkist aus der innigen Umarmung mit der Katze und erstach den Anwalt mit seinen Augen, was diesen aber nicht im Geringsten beeindruckte.

Paolo, Sohn Roms, deine Talente entsprechen nicht deinem Lebenswandel und ich fordere dich auf, der schnöden Lust am Abgrund zu entsagen und eine anständige Tätigkeit zu suchen, damit du dich in Höhen entwickelst, für die dich das Schicksal bestimmt hat! Und zur kontemplativen Reue verpflichtest du dich, mir und meinem Freund, dem verluderten Freund knuspriger Domestiken, jeweils einen fein gekühlten, trockenen Riesling auf deine eigenen Kosten in manierlicher Weise zu reichen.

Wieder brach begeisterter Applaus los und Paolo hatte schon die Weinflasche in der Hand, als plötzlich zwei Polizisten vor der Theke standen.

Wo ist dieses Subjekt namens Texas? Haben sie es gesehen?

Noi, noi, nett schun widda, isch will do bleiwe! Scheißbulle, verpisste!

Nachdem sich dieser quasi selbst angezeigt hatte, sprang der erste Polizist auf ihn zu und bat umgehend um dessen Papiere.

Ihr Wixer, wisst gonz genau, habt mer de Ausweis abgenumme, konnisch net zeige!

Nun hatte der zweite Polizist Texas auch erreicht und ehe man sich versah, wurden diesem Handschellen angelegt und er unter großem Murren abgeführt.

Madre Mia, ließ sich nun Paolo vernehmen, das arme Schwein! Regt euch nicht auf, die haben gegenüber in der Wache Langeweile auf der Nachtschicht und brauchen noch jemanden zum Doppelkopf spielen. Deswegen haben sie Texas den Ausweis abgenommen, und wenn sie Karten spielen wollen, dann holen sie ihn hier raus und er muss bis zum Schichtende um Sechs mit ihnen spielen. Der kriegt da sogar sein Bier!

Manche kannten das Spiel, manche waren verblüfft. Paolo füllte zwei Gläser mit Riesling und brachte sie an den Tisch des Anwalts, der nun in ein tiefes Gespräch mit einer Soziologin verwickelt war, die sich von einem der hinteren Tische an ihn heran geschlichen hatte. Anscheinend hatte er beim Anblick seiner Gesprächspartnerin das Weltgericht vergessen.

Paolo ging zurück hinter die Theke, sah auf die Uhr und begann, aufzuräumen.

Leute, rief er in den Raum, trinkt so langsam aus, ihr habt gehört, bei mir beginnt morgen ein neues Leben. Da muss ich früh raus, in zehn Minuten wird kassiert. Das Dolce Vita ist vorbei. Zumindest für heute Nacht!