Archiv für den Monat Oktober 2009

Böse Ahnungen

Lee Kuan Yew, Gründer des freien Singapurs und dessen langjähriger Präsident und einer der wenigen Weisen auf dieser Welt mit legislativer Macht, hatte sich in einem ausgedehnten Interview über die Weltentwicklung auch zu Deutschland geäußert. Das war im Jahr 2005, kurz bevor Gerhard Schröder die Kanzlerschaft an Angela Merkel verlor. Lee Kuan Yew führte aus, dass Deutschland zu seinem Bedauern viele Jahre verschlafen hatte, um mit seiner Staatsordnung und seinen Sozialsystemen eine stabile Position im Run der Globalisierung erreichen zu können. Er attestierte Schröder, dieses zumindest versucht zu haben und prophezeite Merkel, dessen gleiches Schicksal zu erfahren, sollte sie an dem Versuch festhalten. Sollte sie sich trauen, so Lee Kuan Yew, den Kurs beizubehalten, würde ihr die nach der Vereinigung etablierte Befindlichkeit ebenfalls das Ende bereiten: She will also be sacked, waren seine prophetischen Worte.

Die Weisheit Asien spekuliert nie darüber, ob sich die handelnden Subjekte der Möglichkeiten des Schicksals bewusst sind, darauf verschwendet sie keine Zeit. Hätte sie dieses getan, wäre sie zu dem Schluss gekommen, dass Angela Merkel, diese Musterschülerin Helmut Kohls, genau diese Gefahr kannte. Deshalb wählte sie in der Großen Koalition mit Instinktsicherheit die sozialdemokratische Rolle, sie verfocht den Ausgleich und das Paradigma der Gerechtigkeit, während die Sozialdemokraten den Job taten, der notwendig war und letztendlich den meisten Menschen weh tat. Selbst das dreiste Lügen mussten diese besorgen und sie taten es. Bei Einbruch der Weltfinanzkrise war es der sozialdemokratische Bundesfinanzminister, der z.B. bei der Hypo Real Estate von einer systemrelevanten Bank sprach, die dann mit Milliarden aus dem Steuerfond subventioniert wurde, obwohl sie bereits im Jahr 2003 von der Hypo Vereinsbank als Bad Bank gegründet worden war, nachdem sich diese heillos bei Immobiliengeschäften im Osten verzockt hatte. Irgendwie behielt die Kanzlerin immer die Weiße Weste und wenn es ans Eingemachte ging, dann wurde ein Zeitpunkt gewählt, der nur aus der perfiden Feder von Staatsintriganten stammen konnte, wie bei der Zerstörung des Bankgeheimnisses während der WM 2006, als die Deutschen ihre Wachsamkeit dem Sommermärchen geopfert hatten. Mal abgesehen davon ist nicht bekannt, dass die staatlichen Möglichkeiten beim Zugriff auf Bankkonten während der Bankenkrise auch nur einmal genutzt worden wären, woraus sich die berechtigte Frage ableitet, ob das nur für die wahren Staatsfeinde gilt, nämlich die gefährlichen Rentner auf der Parkbank!

Angesichts der Fähigkeit der alten und neuen Kanzlerin hinsichtlich ihres Machterhaltungsvermögens sollte man sich die Koalitionsverhandlungen mit dem neuen Partner ebenso genau anschauen wie die Zeitplanung der Umsetzung des Regierungsprogramms. Allein durch die Vergabe von Ministerposten werden schon einige, nämlich die, die bestimmte Ressorts erhalten, ein Begräbnis erster Klasse erfahren, weil sie dort nichts gewinnen können und wahrscheinlich nicht im Bett sterben werden. Und dann wird sich erst einmal sehr wenig ereignen, und alle werden denken, alles halb so schlimm. Und im Juni nächsten Jahres kommen die Grausamkeiten. Aber dann ist unsere Nation im Fußballrausch, denn dann ist die WM in Südafrika und die Nachrichten gehen im Public Viewing unter. Aber wenn wir in der Vorrunde ausscheiden sollten, nur dann, dann könnte es gefährlich werden and maybe, maybe she will also be sacked!

Die gesellschaftlichen Schäden der instrumentellen Vernunft

In der deutschen Philosophie ist sehr vieles reflektiert worden, aber nichts so spärlich wie ihr eigentliches Ende. Nietzsche war der letzte deutsche Philosoph, der in der Tradition des die klassische Deutsche Philosophie ablösenden Emanzipationsgedankens stand und diesen radikal weiter verfolgte, nämlich im Mikrokosmos des scheiternden Individuums. Den letzten Lichtschein, den Nietzsche mit Fortschreiten seiner Krankheit noch sah, war das Debakel, das Wagner daraus zu machen drohte und deshalb wandte er sich von ihm ab. Der Faschismus manifestierte das Ende der Geschichte deutschen Denkens und verfrachtete die Philosophie in die Konzentrationslager des Instrumentalismus, wo alles, was Selbstreflexion und Emanzipation zum Inhalt hatte, unter dem Gestank menschlichen Fleisches vernichtet wurde.

Mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und später Jürgen Habermas erfolgte die Anglisierung des Denkens in Deutschland, was als eine große Befreiung gesehen werden muss, aber auch zur Folge hatte, dass die Rezeption immer von einem großen Unverständnis getragen wurde. Als Horkheimer nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil und einigen Jahren des Studiums der neuen deutschen Gesellschaft vor dem Gemeinschaftswerk mit Adorno, der Dialektik der Aufklärung, 1967 seinen großen Tusch mit der Kritik der instrumentellen Vernunft erfolgen ließ, verstand man hierzulande intellektuell, was er aussagen wollte, aber der Bruch war nicht aufzulösen. Die Ideologisierung der Mittel hielt sich, d.h. die Anwendung von Instrumenten zur geplanten Erzielung eines Zweckes blieb in der alten Verständnistradition hängen und führte zu einer philosophischen Bewertung der Instrumente. Genau davor jedoch hatte Horkheimer in seiner Schrift gewarnt, es als die Gefahr für die Freiheit schlechthin bezeichnet. Es bewahrte die Deutschen vor der Fähigkeit, Werte unabhängig von Instrumentarien zu diskutieren und trieb sie in die Falle, Instrumente wie Werte zu begreifen. Der Pragmatismus gegenüber den Instrumenten, wie er im anglophonen Sprachraum Usus ist, erlebt bis heute Deutschland als Bannmeile.

Stattdessen hat sich der Instrumentalismus, dieses Derivat der instrumentellen Vernunft, in Deutschland verfeinert und perfektioniert. Er dominiert jeden gesellschaftlichen Diskurs und verhindert das Vordringen zum Wesen bestimmter Fragen. Wenn es um die Umwelt geht, nimmt die Diskussion um den Dosenpfand mehr Raum ein als die Frage einer prinzipiellen Vorstellung des Umgangs mit Ressourcen, wenn es um Amokläufe an Schulen geht, ist die Diskussion um Waffengesetze und Videoüberwachung primordial, ohne dass die psychologischen und soziologischen Ursachen eine Chance auf Reflexion hätten, wenn es um Politik geht, wird exklusiv das Personal, aber nicht die Programmatik analysiert, wenn es um Führung geht, werden flächendeckende Zielsysteme installiert und nicht die grundlegenden Beziehungen geklärt und wenn es um die Volksgesundheit geht, dann diskutiert man nicht das Wissen und die Urteilskraft der Menschen, sondern die Kennzeichnungen auf der Lebensmittelverpackung. Der Instrumentalismus verhindert das Vordringen zum Wesen und die Schaffung von Grundlagen, die Lösungen von Problemen und Klärungen von Konflikten erfordern. Es handelt sich um ein Drama, das nicht nur ungeahnte Kosten verursacht, weil es keine Lösung gibt, sondern es dokumentiert auch, dass die Chance auf eine Zukunft verspielt wird.